Sonntag, 18. Mai 2014

Warum habe ich Haarausfall bei Bulimie?

Haarausfall erleben viele, die an Bulimie erkrankt sind, früher oder später. So auch ich: Nach ca. eineinhalb Jahren Bulimie bekam ich schlagartig Haarausfall- büschelweise. Es war so schlimm, dass es mich auch für einige Tage vom Erbrechen abgehalten hat (und den FAs). Leider hielt der Schock nicht an, obwohl meine Haare weiterhin ausfielen. Mal mehr, mal weniger. Mit jedem neuen Tiefstgewicht erreichte der Haarausfall einen neuen Höhepunkt. Meist war er tatsächlich schlimmer, je weniger ich wog. Doch eine wirkliche Faustregel dafür gab es nie.

Heute ist mein Haar wieder völlig normal, also so wie vor der Bulimie. Ich merke jedoch immer noch, dass ich bei übermäßigem Stress Haare verliere. Das ist dann aber meiner Meinung nach das dringendste Warnsignal, das mein Körper mir geben kann, weshalb ich es sehr ernst nehme.

Generell ist zu sagen, dass Haarausfall sowohl seelisch als auch körperlich bedingt sein kann und sich beide Faktoren wechselseitig beeinflussen.
Besonders kritisch ist es für den Körper, wenn neben den FAs generell wenig gegessen wird. Die FAs bestehen meist aus nährstoffarmen Lebensmitteln, die wenige Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Gesunde, nährstoffreiche Lebensmittel werden in der restlichen, FA-freien Zeit, jedoch auch nicht aufgenommen. So kann es leicht zu Mangelerscheinungen kommen, die sich über die Zeit aufrechterhalten und einen permanenten Haarausfall auslösen bzw. dem Haar keine Möglichkeit geben, sich zu regenerieren und aufzubauen.

Mögliche Auslöser

Eisenmangel
Besonders bei Vegetariern und Veganern verbreitet. Bei Vegetariern besteht sogar ein größeres Risiko als bei Veganern, da Milchprodukte die Eisenaufnahme hemmen. Ein normaler Wert bei Frauen liegt zwischen 6,3 bis 20,1 Mikromol pro Liter, wobei das sog. "Transferrin" gemessen wird (eine bestimme Eisenform, die im Blut enthalten ist). Eisenmangel kann sich neben Haarausfall in Müdigkeit, Vergesslichkeit oder auch in eingerissenen Mundwinkeln äußern.

Eiweißmangel
An einen Mangel an Eiweiß denken viele zunächst nicht, wenn es um Haarausfall geht. Haare bestehen jedoch zu 97 bis 100 % aus Proteinen (Keratin). Wenn zuwenig Eiweiß mit der Nahrung aufgenommen wird (die sog. "essentiellen" Aminosäuren, die der Körper nicht selbst herstellen kann), fehlen dem Körper die notwendigen Bausteine, um Haare überhaupt erst aufbauen zu können.
Wenn bei Bulimie neben FAs nichts bis wenig gegessen wird, um Kalorien einzusparen, ist das Risiko eines Eiweißmangels hoch, denn während der FAs werden meist zucker- und fetthaltige Lebensmitteln konsumiert. Dadurch kann es schnell zu einem Eiweißmangel kommen.

Zinkmangel
Zinkmangel ist insbesondere unter Vegetariern und Veganern verbreitet, da Zink aus tierischen Lebensmitteln leichter zu verwerten ist als aus pflanzlichen Quellen (ähnliches gilt für Eisen). Zinkmangel kann sich neben Haarausfall in weißen Flecken auf den Nägeln, einer erhöhten Infektanfälligkeit oder Verstopfung äußern. Stress kann Zinkmangel zudem verstärken, weil er die Verwertung des Minerals erschwert.

Kalziummangel
Kalzium ist, zusammen mit Phosphat eines der Hauptbestandteile von Knochen und Zähnen und wichtig für den Aufbau von Haaren. Wenn dem Körper Kalzium fehlt, entzieht er es zunächst scheinbar "unwichtigen" Stellen wie dem Haarboden, was zu Haarausfall führen kann. Darum ist es wichtig, dem Körper genug Kalzium über die Nahrung zuzuführen.

Selenmangel
Selen wird vom Körper aus Baustein zum Aufbau von Eiweiß benötigt. Wenn Selen also fehlt, fehlt auch das Eiweiß zum Aufbau von Haaren, wodurch es zu Haarausfall kommen kann. Selenmangel ist ähnlich wie Zinkmangel an weißen Flecken auf den Nägeln zu erkennen, aber auch an vielen weiteren Symptomen, wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, einer Aufhellung der Haare, Ödemen und vielen weiteren.

Vitaminmangel
Wenn zu wenige Vitamine aufgenommen werden, können die Haarwurzeln nicht mit Vitaminen versorgt werden, was zu Haarausfall führen kann.  Insbesondere die B-Vitamine sind wichtig für die Haare, aber auch ein Mangel an A- und C-Vitaminen kann sich in Haarausfall äußern.

Durchblutungsstörungen
Wenn die Kopfhaut zu wenig durchblutet wird, kann dies ebenfalls Haarausfall hervorrufen. Viele Bulimiker haben generelle Durchblutungsstörungen ("absterbende" Finger, kalte Hände, etc.), was sich auch auf der Kopfhaut bemerkbar machen kann. Aber auch hoher Kaffeekonsum, der die Blutgefäße verengt, kann dies begünstigen.

Stress
Dieser Mechanismus ist noch nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich erhöht Stress die Konzentration von Noradrenalin an den Haarwurzeln, wodurch Entzündungsprozesse in Gang gesetzt werden, die nach 2-3 Monaten zum Abstoßen der Haare führen.

Hormonstörungen
Auch ein Überschuss an männlichen Hormonen, also ein Hormonungleichgewicht, kann zu Haarausfall führen. Nicht immer muss die Gabe eines Hormonpräparats (Anti-Baby-Pille o.ä.) erfolgen, um die Hormone wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Auch eine Normalisierung des Essverhaltens kann die Balance wieder herstellen!

Weitere
Auch Erkrankungen wie Schilddrüsenerkrankungen, ein erhöhter Blutdruck, Medikamente, Chemikalien und eine falsche Pflege der Haare (glätten, zu heiß föhnen etc.) kann Haarausfall bewirken. Die oben genannten Faktoren sind bei Bulimie jedoch wahrscheinlicher.

Was ist zu tun? 

Wichtig: geh zum Arzt und lass die o.g. Faktoren untersuchen. Oftmals wird beispielsweise ein Eisenmangel diagnostiziert, dann behoben, doch der Haarausfall besteht weiterhin. Dann ist es hilfreich, andere mögliche Ursachen zu kennen und auch zu wissen, dass die Psyche eine große Rolle spielt. Wie gesagt- wenn ich mich zu stark unter Druck setze, bekomme ich immer noch Haarausfall, obwohl ich seit Jahren normal esse. Dann weiß ich, dass mein Körper mich warnt, und ich kann mich dementsprechend verhalten.

Seht den Haarausfall auch so: als Warnsignal- der Körper versucht sich zu schützen, und die Haare sind nicht überlebenswichtig, weshalb er zuerst dort "angreift".

Eine wohl unbestreitbar wichtige Funktion kommt an dieser Stelle auch Ergänzungspräparaten wie Biotin oder Kieselerde zu. Letzteres ist in Form von Gel besser für den Körper verfügbar. Bei Bulimie und entsprechenden Mangelerscheinungen kann man fast sicher davon ausgehen, dass Kieselerde hilft- insbesondere weil ein Zuviel davon nicht schädlich ist.

Wichtig zu wissen ist also, dass der Haarausfall nicht für immer anhält- und dass ihr wieder normale Haare haben werdet, wenn ihr die Bulimie los seid. Ihr müsst an dieser Stelle ein wenig Geduld haben, und euer Körper wird mit der richtigen Grundsubstanz (Nährstoffe etc.) in der richtigen Umgebung (wenig Stress, gute Psyche) wieder in der Lage sein, die Haare normal wachsen zu lassen. Haarausfall ist also trotz allem kein Grund zur Panik.