Samstag, 20. Oktober 2012

Ich bin mit mir im Reinen....

....und ich kann mich wieder auf mich selbst verlassen. Ich habe mich kennengelernt und bin zufrieden mit mir. Das ist eine der wichtigsten Lektionen, die ich auf dem Weg gelernt habe. Und wisst ihr was? Wenn ihr das wiedergefunden habt, dann werden es andere automatisch bemerken. Hätte ich nie geglaubt! Sobald man aufhört damit, sich zu verstecken, sich selbst nicht ernst zu nehmen und anfängt, sich eben doch ernst zu nehmen (und dazu gehört auch die Sprache: "kann ich vielleicht mal...."; "ich will ja nichts sagen, aber..."; "ist bestimmt ne blöde frage, aber..."; gehört unbedingt auch dazu!), wird man plötzlich wahrgenommen. Man ist wieder sichtbar, ansprechbar, existent! Alle Menschen machen Fehler, also los! Grins.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Fundstück: "vomito ergo sum"

""Vomito ergo sum - Ich kotze also bin ich."
Der Babyspeck, das wächst sich schon aus, haben die Erwachsenen gesagt, und "fette Sau" nannten mich die Gleichaltrigen. An jedem Zeitungskiosk hochglänzende Heilsversprechungen: 7 Kilo weniger in drei Tagen, für immer schlank, endlich Wunschgewicht, so werden Sie sexy wie nie. Ich hab daran geglaubt. Erst als Diätnovizin, dann als vollwertiges Mitglied im Orden der Fressschwestern, der nur im Geheimen operiert, an stillen Örtchen. 10 Jahre lang hab ich dem Stierhunger, der alles verschlingenden Göttin Bulimie gehuldigt. Bin vorm Kloaltar gekniet und hab Opfer dargebracht, mein Leben nur nach ihr ausgerichtet. So much for the ten year plan.

(der folgende text entstand ursprünglich als beitrag für das online-jugendmagazin fm5)



Ich war fünfzehn als mein Leben begann.


Auf dem Heimweg von der Schule war es plötzlich da, unaufgefordert und überraschend und seither hat es mich nie wieder losgelassen. Nie zuvor war es in solcher Intensität aufgetreten, das Herzrasen. Mir war schwindlig, ein kleinwenig schlecht und plötzlich wußte ich es in aller Gewissheit : „Ich bin verliebt.“


Das Abendessen war bereits vorbereitet, als ich daheim eintraf und obwohl es ein langer Tag gewesen war, sagte ich meiner Mutter, dass ich erstens keinen Hunger hätte und zweitens mit sofortiger Wirkung eine Diät beginnen würde. Danach hab ich mich in mein Zimmer eingeschlossen und es die nächsten Jahre praktisch nicht mehr verlassen.


Da saß ich also. Pickelig, mit strähnigem Haar, das üppige Doppelkinn notdürftig mit einem Halstuch in Form gehalten und träumte plötzlich nicht mehr nur von Pferden, sondern auch von jungen Männern. Genaugenommen nur von einem. Diese erste Liebe war so unsterblich, dass ich nicht mal mehr weiß wie er hieß. Mir war klar, dass er mich nie wahrnehmen würde, wenn ich nicht schleunigst mein Äußeres änderte, denn abgesehen von der altersüblichen Talgüberproduktion hatte ich auch noch schätzungsweise 25 Kilo zuviel. 80 Kilo aufgeteilt auf 164 cm Mensch. Die Extremitäten zwar durchaus wohlgeformt, der Rumpf jedoch recht fleischig und der Busen angesichts meines Alters angsteinflößend. „Fette Sau“ hatte man mir mehr als einmal nachgerufen. „Da kommt Pamela Anderson mal vier“ war zumindest intellektuell etwas ausgefeilter, aber genauso kränkend. Trotzdem hatte ich mich selbst gemocht und mir das auch mindestens drei mal täglich versichert. Nun aber zeigte sich mir im Spiegel eine Person, die ich abscheulich fand. So wie ich aussah, würde mich niemals jemand gernhaben können.


Und so hörte ich auf zu essen. Verliebte Euphorie gab mir die nötige Kraft, sowohl dem mütterlichen Pausenbrot, als auch dem Schulbuffet zu entsagen, mittags nur etwas Buttermilch zu schlürfen und abends ohne das geringste Bedauern auf die Nahrungsaufnahme zu verzichten. Ich besorgte ein Maßband und einen Notizblock. Mit Hilfe des Bandes und des letztjährigen Quellekatalogs versuchte ich, meine aktuelle Konfektionsgröße festzustellen, danach notierte ich sowohl Datum, als auch zu mir genommene Kalorienmenge, legte mein Wunschgewicht mit 55 Kilo fest und fühlte mich großartig.


Natürlich war ich mir im Klaren darüber, dass ich auch Sport treiben musste, um dauerhaft abzunehmen. Im Keller stand ein altes Trampolin, dass ich in mein Zimmer schleppte und fortan als Trainingsgerät nutzte. Dank Nirvana`s „Unplugged in New York“ gelang es mir bald 2 Stunden täglich darauf herumzuspringen.


Nach vier Tagen Buttermilchkur hing mir das Zeug zum Hals heraus, aber ich hatte beinahe 2 Kilo abgenommen. Wenn wenig essen schon zu solche Erfolgen führt, würde dann nicht gar nichts essen noch effektiver sein?


Am Dachboden fand ich alte Brigitte-Diät-Bücher und nach der Schule stahl ich Diätratgeber in der örtlichen Buchhandlung. Bereits nach einer Woche war ich zumindest in der Theorie mit sämtlichen je von der Menschheit ersonnenen Ernährungsformen zur Gewichtsreduktion vertraut und kannte den Kaloriengehalt von 500 Lebensmitteln auswendig. Mein Schwarm hatte mich noch immer keines Blickes gewürdigt.


Nichts als Kaffee und Wasser zu sich zu nehmen, hat nun zwar einerseits einen recht beachtlichen Körpermasseverlust zur Folge, allerdings stellt sich spätestens ab Tag zwei ein übler Mundgeruch ein und man wird auch ziemlich unkonzentriert.


Zu Beginn der zweiten Woche war ich zwar physisch erleichtert, jedoch ließ die Motivation bisweilen zu wünschen übrig. Manchesmal stellten sich auch Hungergefühle ein, ab und zu konnte ich nicht widerstehen etwas zu essen. Quasi eine Todsünde. Mir war übel, ich hasste mich selbst und begann zusätzlich zum Trampolintraining Sit-ups zu machen. Dass ich eine Nulldiät auf Dauer nicht durchhalten würde, war mir bewußt und vor allem hatte ich Angst davor magersüchtig zu werden. Aber in einem meiner Diätbücher war ich auf den „Reistag“ gestoßen. 200 Gramm Reis, Trockenmasse, sollte „die Pfunde purzeln lassen“. Ich glaube es gibt im deutschen Sprachraum exakt keine Veröffentlichung zum Thema abnehmen, wo nicht mindestens einmal „die Pfunde purzeln lassen“ vorkommt, ich habe diesen Ausdruck schon immer gehasst.


Zuvor hatte ich immer behauptet „Ich habe Mitleid mit allen Chinesen, weil die so viel Reis essen müssen“ und die klebrigen Körner geschmäht, aber um der Diät willen würgte ich nun exakt abgewogene Mengen davon hinunter. Meine Mutter wollte mir einen Gefallen tun und hatte sogar für mich vorgekocht, weil der Reis nicht ganz so schrecklich schmeckte wie üblich, kam ich dahinter dass sie einige Tropfen Öl und etwas Salz beigefügt hatte. Ich wurde hysterisch, denn erstens hat Öl 900 Kilokalorien pro hundert Gramm und damit den höchstmöglichen Energiegehalt überhaupt und außerdem bindet Salz Wasser im Körper. Ich glaube nicht, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon vor hatte meine Diäterfolge zu sabotieren, aber um nicht zuzunehmen, legte ich sicherheitshalber eine Extraschicht am Trampolin ein.


Ich begann aus sämtlichen Zeitschriften Bilder auszuschneiden, von Frauen die meine Traumfigur hatten. Auch notierte ich weiterhin fleißig wieviel ich täglich aß. Ich erstellte Listen mit erlaubten und verbotenen Nahrungsmitteln. Ich ernährte mich fortan von Reis, Äpfeln oder eben gar nichts. Um abends den Hunger im Zaum zu halten, blätterte ich in Kochbüchern, betrachtete stundenlang Bilder von Lebensmitteln in allen Zubereitungsstufen und schlief irgendwann erschöpft und mit knurrendem Magen ein. Zusätzlich zum Trampolintraining und zu den Sit-ups ging ich joggen. Nach einem Monat fingen meine Jeans an zu rutschen, nach eineinhalb Monaten hatte ich kaum mehr was zum anziehen übrig und nach drei Monaten, die Waage zeigte 20 Kilo weniger an, musste ich mich am Kleiderschrank meiner Mutter bedienen.


Anfangs waren meine Eltern stolz auf mich gewesen, hatten mich ermutigt weiterzumachen, doch plötzlich bekamen sie es mit der Angst zu tun, meine Lehrer zogen mich in der Pause zur Seite, um ein ernstes Wort mit mir zu sprechen, ich konnte ihre Sorgen nicht verstehen. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben glücklich.


Ich war stets das fünfte Rad am Wagen gewesen, die lustige, dicke Freundin, der Kumpel. Nun interessierten sich plötzlich genau die jungen Männer für mich, die mich früher verspottet hatten. Nachdem ich mich äußerlich so radikal verändert hatte, befand ich es für an der Zeit mein Image zu wechseln. Ich wollte nie mehr die graue Maus, die langweilige Besserwisserin sein, also begann ich zu rauchen, das hatte für mich einen zwar betont intellektuellen, aber interessanten Touch. Mit meiner neuen Selbstsicherheit war es nicht weit her, mittels Alkohols konnte ich mir allerdings behelfen. So gut sogar, dass ich bald auf Parties die betrunkenste und enthemmteste Person von allen war.


Irgendwann in dieser Zeit passierte es zum ersten Mal. Meine Selbstdisziplin ließ sich nicht mehr aufrechterhalten und ich stopfte mich derart mit Essen voll, dass ich mich übergeben musste. Ich hatte mechanisch nicht nachgeholfen, also brauchte ich noch keine Angst vor einer Essstörung haben, dachte ich zumindest. Die Fressattacken nahmen allerdings rasch überhand und eines Tages fing ich an, mich verschiedenster Hilfsmittel zu bedienen, um die überschüssigen Kalorien wieder loszuwerden.


Ein durchschnittlicher Fressanfall, meist in zwei bis drei Etappen angelegt, bestand zum Beispiel aus: 8 Kokoskuppeln, 7 Wurst- und Käsesemmeln, 1 Fruchtplunder, 2 Cabanossis, 1 Leberkäsesemmel, 1 Liter Cola, 250 g Erdnüssen, 2 Schokoriegeln, 1 Tüte Gummifröschen, ½ Apfelstrudel (nicht zu verwechseln mit einem halben Stück Apfelstrudel!), Sauerkraut mit Speck, 3 Bratwürsten, 4 großen Bratkartoffeln mit Ketchup, 1 Banane, 4 Toastbroten mit Marmelade + viel Butter, 4 Wurstbroten (die Wurst fingerdick aufgeschnitten, die Brote mindestens ebenso), 1 Dose Ananas, 1 Glas Currysauce.


Ich lernte bald in welcher Reihenfolge ich essen musste, um hinterher leichter erbrechen zu können. Anfangs hatte es genügt, wenn ich mir den Finger in den Hals steckte um den ersehnten Brechreiz auszulösen, bald reichte diese Stimulation nicht mehr aus. Ich steckte mir alle möglichen Gegenstände in den Rachen, zusammengerollte Taschentücher, Zahnbürsten, sogar Tampons. Ich denke, es gibt keinen erbärmlicheren Augenblick im Leben eines Menschen, als den, wenn dir erst ein Schwall Kotze aus der Nase schießt und dir plötzlich die Zahnbürste im Schlund steckt und du verzweifelt um Atem ringst, in der Gewissheit, dass irgendjemand deine Leiche in einer stinkenden Lache aus Erbrochenem finden wird, wenn du das Ding nicht schleunigst irgendwie herausziehen kannst. Noch peinlicher wäre es wahrscheinlich nur, an einem O.B. zu ersticken. Nach jahrelanger Übung kann ich mich übrigens mittlerweile auf Befehl übergeben.


Ich hasste mich für meine Schwäche. Der saure Geruch von Kotze begleitete mich überallhin. Damit meine Eltern keinen Verdacht schöpften, schüttete ich literweise Shampoo in die Toilette um den Gestank zu überdecken. Bei Schulausflügen oder wann immer ich meine gewohnte Umgebung verließ, führte mich mein erster Weg aufs Klo. Ich musste mein Revier abstecken, herausfinden wann ich am besten ungestört kotzen könnte. Ich lernte die Vorteile und Tücken von Flach- und Tiefspülern ebenso kennen, wie die Segnungen einer Bad-WC-Kombination - bei vollaufgedrehter Dusche lassen sich Würggeräusche überdecken und der Wasserdampf hilft gegen den Geruch. Wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, nicht kotzen gehen konnte, wurde ich unruhig, reizbar und aggressiv. Für solche Fälle spielte ich mit dem Gedanken, mir Abführmittel zuzulegen. Unter anderem deshalb kenn ich praktisch nur ein italienisches Wort: lassativo - Abführmittel.


Ich wünschte mir nichts mehr, als magersüchtig zu sein, nie mehr essen zu müssen. Ich bewunderte die Willenskraft derer, die sich zu Tode hungern, ich dagegen war schwach und ekelerregend.


Natürlich hatten meine Eltern mitbekommen was mit mir los war, nicht nur weil in unserem Haushalt riesige Mengen an Toilettenpapier, Duschgel, Zahnpasta und Nahrungsmitteln verschwanden. Sie drohten mir, mich ins Krankenhaus einliefern zu lassen. Mein Vater baute eine Speisekammer, zu der ich nur unter Aufsicht Zutritt hatte. Jedoch schaffte ich es immer wieder nachts mit meinen spindeldürren Unterarmen Lebensmittel herauszufischen, oder angelte mit einem aufgeschnittenen Hoola-Hoop-Reifen nach dem Brotkorb. Aus „öffentlich“ zugänglichen Lebensmitteln wie Mehl und Ketchup buk ich frühmorgens Fladenbrot im Toaster, überhaupt kann ich wahrscheinlich aus praktisch allem Essbaren eine kotzbare Mahlzeit zubereiten.


Wenn ich nicht gerade in der Schule saß, ging ich auf Diebestour in Supermärkten oder versuchte zuhause unbemerkt alles Kalorienhaltige an mich zu raffen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als an Essen. Meine Klogänge daheim wurden streng überwacht, notgedrungen musste ich in den Wald ausweichen. Bald war es mir zur Gewohnheit geworden, mit einer Handtasche voller Taschentücher, einer Zahnbürste, Zigarretten und einer großen Flasche Wasser durch die Wälder zu streifen um bei jeder Wetterlage meinen Mageninhalt loszuwerden. Selbst Aussentemperaturen von minus 20 Grad schreckten mich nicht ab.


Mein Gesicht war aufgedunsen, ich hatte beständig Magenschmerzen, Mundgeruch, Konzentration war ein Fremdwort geworden, eine unendliche Erschöpfung hatte Besitz von mir ergriffen. Es verging kein Tag mehr, ohne dass ich mich im wahrsten Sinne des Wortes besinnungslos fraß um mich hinterher zu übergeben, meist mehrmals täglich. Meine Tagesverfassung war gewichtsabhängig, ein halbes Kilo weniger oder mehr war ausschlaggebend für Hochgefühle oder schwere Depression - die Waage ein Gradmesser meiner Verzweiflung.


Plötzlich begann ich Blut zu erbrechen, anfangs hielt ich es für geschmolzene Schokolade, Blutungen aus dem Magentrakt wirken bräunlich im Gegensatz zu den hellroten Rachenblutungen. Beim ersten Mal wurde ich noch panisch, im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich daran. Ich wünschte mir sogar, innerlich zu verbluten, damit dieser unwürdige Zustand endlich ein Ende hätte.


Das Einzige was mich, abgesehen von essen noch aufrecht erhielt, war, so paradox es klingen mag, der dringende Wunsch zu sterben. Nächtelang hielt mich der Gedanke an Selbstmord wach und ich ritzte mir mit Rasierklingen ins Fleisch, zumindest Schmerz konnte ich noch empfinden.


Andere Lebensinhalte hatte ich nicht mehr. Nun, vielleicht noch das Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Um dies zu erreichen, betrank ich mich bei jeder Gelegenheit maßlos. So wahnsinnige Angst ich nüchtern vor Sozialkontakten hatte, so zügellos benahm ich mich im Rausch. Was einerseits zu einem sehr zweifelhaften Ruf, andererseits zu einigen Alkoholvergiftungen führte.


Die Schule sah ich nur mehr selten von innen (geschafft habe ich sie dennoch, das Wie ist mir bis heute schleierhaft.). Die erste große Liebe war längst vergessen, unzählige weitere aussichtslose Schwärmereien waren ihr gefolgt. Meine Eltern hasste ich aus tiefstem Herzen, mich selbst allerdings noch viel mehr.


Was es war, dass mich am Leben erhielt, kann ich nicht beurteilen. Nicht die Therapiestunden, nicht die stundenlangen nächtlichen Telefonate mit der Telefonseelsorge, nicht der stationäre Klinikaufenthalt, nicht die Selbsthilfegruppe, nicht der erste Freund, nicht der zweite, mein Elternhaus unter Garantie nicht, auch nicht der nahezu inexistente Bekannten- und Freundeskreis. Möglicherweise gibt es doch so etwas wie einen Lebenswillen, der unter all der Selbstverachtung und dem tiefempfundenen Haß für die eigene Person schlummert.


Mit 19 zog ich von zu Hause aus, um ein neues Leben zu beginnen und endlich Freunde zu finden, Menschen die mir ähneln. Ich fand sie nicht, meine einzige Begleiterin war die Bulimie. Seit Jahren definierte ich mich nur mehr über diese Krankheit, sie war mein Halt, mein Ritual, meine beste Freundin, alles was meine Person ausmacht. Meine Ängste und die Einsamkeit ertränkte ich in Alkohol, oft auch in der Absicht nie wieder aufzuwachen.


Heute bin ich 24 und Teil-Zeit Bulimikerin. Ich habe es satt all meine Energie im Klo hinunter zu spülen. Ich kotze nur mehr alle paar Tage, manchmal sogar wochenlang nicht. Ich habe gelernt meine Fressattacken zu kontrollieren, aber auch, dass zu starker Kontrollzwang das Gegenteil bewirkt. Die Depression ist nach wie vor meine ständige Begleiterin, bisweilen kann ich dem Leben jedoch schon ein paar schöne Momente abgewinnen. Ich lerne nur langsam, wie es ist, wirkliche Freunde zu haben und aus der selbstauferlegten Isolation herauszutreten. Ich würde niemals andere Menschen nach so strengen Maßstäben beurteilen wie mich selbst, doch ich bin meine gnadenloseste Kritikerin. Spiegel sind noch immer meine schlimmsten natürlichen Feinde. Denn egal, ob ich wie zu meinen kränkesten Zeiten 45, oder wie jetzt 55 Kilo auf die Waage bringe, alles was ich sehe ist Fett. An schlechten Tagen wage ich es nicht die Wohnung zu verlassen, weil ich mich fühle wie ein gestrandetes Walross, ein wirklich häßliches noch dazu. Ich habe Angst vor fremden Menschen, Angst davor ausgelacht zu werden. In der Öffentlichkeit zu essen ist purer Stress für mich, auf offener Straße oder in Umkleidekabinen befallen mich hin und wieder Panikattacken und ich fürchte zu ersticken.


Die Bulimie hat mich neben der Kunst des Verschleierns auch in der hohen Kunst des Fassadenbaus unterwiesen. Meine Umwelt hält mich für selbstsicher, geradezu arrogant. Nach außen hin bin ich eine starke, sehr harte Frau mit recht männlichem Gehabe und morbidem Humor. Innerlich allerdings bin ich leer - wie eine Wursthaut ohne Fülle. Mich bis zum Anschlag mit Essen vollzustopfen, ist meine einzige Möglichkeit mich lebendig zu fühlen.


Ich maße mir nicht an, wirkliche Ratschläge erteilen zu können, jede Bulimieerkrankung hat ihre ganz speziellen Ursachen. Letztlich denke ich jedoch, dass der Auslöser für diese Krankheit aus der Unfähigkeit resultiert, mit bestimmten Emotionen umzugehen.


Ich habe es aufgegeben in meinen Kindheitserinnerungen herumzustochern, natürlich hatte ich eine bulimietypische Familienstruktur: Den biologischen Vater, den Stiefvater, von keinem der beiden wirkliche Anerkennung, die Mutter die irgendwo dazwischen stand, die Befürchtung einmal so zu werden wie sie - unsicher und fremdgesteuert, die Halbgeschwister und das Gefühl nirgendwo dazu zu gehören, die fehlende Geborgenheit,... Dennoch will ich nicht nur in der Vergangenheit leben oder einen „Schuldigen“ finden.


Ich für meinen Teil kotze mir die sprichwörtliche Seele aus dem Leib, weil mich die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, Akzeptanz und Gefühlen, aber gleichzeitig die panische Angst davor (denn Nähe zu wollen, bedeutet aus meiner Sicht der Dinge heraus, sich in eine Abhängigkeit zu begeben, was für mich von Schwäche zeugt) innerlich zerreisst.


Von Selbsthilfegruppen und Internet-Bulimie-Foren halte ich persönlich nicht viel. Zu groß ist die Gefahr sich nur gegenseitig die triste Weltsicht zu bestätigen. Mich hat der Aufenthalt dort stets nur noch mehr deprimiert. Therapeutische Hilfe ist in den allermeisten Fällen unumgänglich. Ein stationärer Klinikaufenthalt kann eine gute Möglichkeit sein, aus dem gewohnten Trott auszubrechen, für eine Heilung allerdings reicht die Zeit sicher nicht aus. Für weiterführende Behandlung empfiehlt es sich, sich an einen ausdrücklich auf Essstörungen spezialisierten Psychologen zu wenden. Eine gewisse Skepsis dieser Branche gegenüber, halte ich dennoch für angebracht. Auf der Suche nach einem geeigneten Therapeuten sind mir schon die absurdesten Dinge widerfahren: Die Psychologin, die mich nach der ersten Stunde fragte „Was wollen sie eigentlich hier? Sie wissen doch was ihr Problem ist.“, der Vorwurf ich hätte bei einem psychologischen Computertest geschummelt, der Psychologe der mich bat, mich doch auf einen anderen Stuhl zu setzen, dieser hier sei nämlich sein Platz, der unendlich beleidigt reagierte und eine weitere Zusammenarbeit vorerst verweigerte, als ich ihn scherzhaft fragte, ob er denn platzfixiert sei.


Bulimie ist eine zerstörerische Sucht, die nicht nur die Betroffene / den Betroffenen sowohl nervlich als auch gesundheitlich und finanziell zugrunde richtet, sondern Familien, Partnerschaften und Freundschaften auseinander reissen kann, der Leidensdruck ist auch für Angehörige beinahe unerträglich.


Essstörungen sind zwar mittlerweile als Gesprächsthema salonfähig geworden, dennoch haftet ihnen ein großes Tabu an, die Dunkelziffer der Betroffenen ist enorm. Die wenigsten Bulimikerinnen bekennen sich offen zu ihrer Krankheit, aus der Befürchtung heraus für psychisch abnormal, nicht liebenswert, abstoßend gehalten zu werden. Dabei lebt diese Krankheit gerade von der Heimlichtuerei, darüber sprechen zu können, nimmt ihr viel von ihrem Schrecken."
gefunden auf  geleeroyale.twoday.net, freundlich genehmigt von MoniqueChantalHuber