Donnerstag, 9. Februar 2017

Ein Rechenexperiment. Ein Appell.

Eine große Frage, die ich mir damals mit Bulimie immer gestellt habe, war, wieviel Zeit ich eigentlich "da rein" investiere. Diese Frage ist in meinen Augen sehr wichtig und ich denke, dass du dir darüber Gedanken machen solltest.
Selbst wenn du bisher nur 1, 2 oder 3 FAs pro Woche hattest, dann nimmt die Bulimie einen sehr großen Teil deiner Zeit ein, sie spielt also eine relativ große Rolle in deinem Leben. Wenn du dir jetzt vorstellst, die Zeit, die du mit der Bulimie "verbringst", einfach wegzustreichen, was würdest du mit dieser neu gewonnenen Zeit tun?

Mal ein kleines Rechenexperiment: Meine FAs haben immer ziemlich lange gedauert, sagen wir 4-5 Stunden. Damit war es aber nicht getan. Wenn ich mich danach noch erbrochen habe, kommt dadurch nochmal mindestens eine halbe Stunde dazu. Wenn ich dann noch den ganzen Müll entsorge, Besteck und Geschirr spülen und das Bad putzen muss, kommt locker nochmal eine halbe Stunde dazu. Weil der FA so schwächt, verlängert sich auch noch die Schlafdauer um 1-2 Stunden. Insgesamt sind wir dann bei 6-8 Stunden, die alleine für einen FA draufgehen. Diese Zeit ist Lebenszeit. Ich bekomme diese Zeit nie wieder zurück.

6-8 Stunden sind ein kompletter Arbeitstag. Wenn ich diesen FA 3 mal die Woche "passieren" lasse, dann habe ich 3 ganze Arbeitstage verschwendet. Insgesamt rund 20-25 Stunden für nichts.

Jetzt überlege mal bitte kurz, was du mit 25 Stunden Zeitgewinn alles anstellen könntest:

  • Du könntest 25 Stunden entspannen. 
  • Du könntest 25 Stunden in deine Zukunft investieren. 
  • Du könntest nebenher sogar ein weiteres Studium oder eine Fortbildung beginnen. 
  • Du könntest ein Buch schrieben. 
  • Du könntest ein neues Hobby finden. 
  • Du könntest mehr Zeit mit deinen Freundinnen verbringen. 
  • Du könntest auch mal überlegen, was du in deinem Leben wirklich machen willst, anstatt es den Bach runtergehen zu lassen. 

Überleg mal, was du mit 25 Stunden Lebenszeit anstellen kannst. Das sind übrigens 105 Stunden oder mehr als 4 Tage im Monat und 1300 Stunden oder mehr als 54 Tage im Jahr.

Eigentlich ist diese Rechnung auch nicht ganz richtig. Denn du denkst nicht nur während des FAs über den FA nach. Du denkst noch viel öfter über Essen nach. Diese Stunden und Tage sind in dieser Rechnung noch gar nicht mit drin.

Ja, überleg mal, was du mit der Zeit anstellen könntest. Du könntest nichts weniger tun, als dein Leben sinnvoll zu leben. Anstatt dich zu betäuben und dann alles auszukotzen.

  • Du könntest anderen Menschen helfen. 
  • Du könntest die Natur retten. 
  • Du könntest dich für alles einsetzen, was dir wichtig ist. 
  • Du könntest dir mal Gedanken darüber machen, was du tun würdest, wenn plötzlich alles vorbei wäre. Würdest du dann immer noch an deine Figur und ans Essen denken? Oder gäbe es dann plötzlich wichtigere Dinge. 
Denk einfach mal drüber nach.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Warum normal nicht gleich gesund ist - und warum ein gesundes Essverhalten nicht normal sein muss

In den letzten Jahren habe ich immer wieder darüber geschrieben, dass ich von den bei uns gängigen 3 Mahlzeiten (und insbesondere von den meist empfohlenen Zwischenmahlzeiten) so rein gar nichts halte. Die Gründe dafür liegen für mich auf der Hand: Bei zu vielen Gelegenheiten gibt es einerseits umso mehr Risiken, dass die Mahlzeit in einen FA abgleitet, und andererseits ist es für den Körper tatsächlich nicht gesund, ständig etwas verdauen zu müssen. Ich denke bei solchen Gedankenspielen "Ist es wohl gesund oder nicht" immer an unsere Vorfahren zurück, die auch nicht immer auf eine prall gefüllte Vorratskammer zurückgreifen konnten und die wohl damals noch ziemlich gut in der Lage gewesen sein mussten, dennoch schnell genug vor dem angreifenden Säbelzahntiger zu flüchten. Naja. Letzlich ist der Grund natürlich, dass ich persönlich mit einer anderen Ernährungsweise besser klarkomme.

Aber das nur als Einleitung. Denn ich bin vor kurzem auf einen Artikel mit der Überschrift "Frühstücken ist das neue Rauchen" gestolpert und ich dachte mir nur: Halleluja, endlich mal ein sinnvoller Ernährungsratschlag. Auch wenn es im Grunde gar nicht um das Frühstück geht, sondern  darum, kulturell fest verankerte Essgewohnheiten in Frage zu stellen, so war ich doch sehr erfreut darüber, dass anscheinend die Idee in der breiten Gesellschaft anzukommen scheint, dass es bei gesundem Essverhalten nicht darum geht, alles genau so zu adaptieren, wie es eben die Norm ist - wie beim Frühstück.

Klar, ich habe jahrelang sehr gut damit gelebt, öfter mal abends nichts mehr oder wenig zu essen (weil eine verlängerte "Fastenperiode" über Abend und Nacht die Zellteilung und damit die Alterung und das Wachstum von entarteten Zellen hemmt), musste mir dafür aber auch oft kritische Kommentare anhören, à la "Aha, sie hat ja immer noch essgestörte Tendenzen". Dass es aber darum geht, dass jeder ehemals Essgestörte seinen eigenen Rhythmus finden muss, sich in der Zwischenzeit auch mit eher ungewöhnlichen Formen des Essverhaltens beschäftigt hat (Stichwort Intermittierendes Fasten, Dinner Cancelling, vegane Ernährung, etc.) und dann irgendwann auch den für sich passenden Weg gefunden hat - und sich dieser dann womöglich auch von der kulturellen Norm unterscheidet - das wird dabei nicht gesehen, und dementsprechend auch nicht als persönliche Leistung anerkannt. Auch wenn es das meiner Meinung nach definitiv ist, denn es zeugt von sehr viel Willen, an sich selbst zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln, den eigenen Körper beobachten zu lernen und letztlich von sehr viel Optimismus und Lebensfreude.

Und ja, ich möchte tatsächlich auch eine Lanze brechen für all diejenigen, die mit der Ernährung experimentieren und sich nicht mit dem abgeben, was von außen auf sie einströmt. Die nicht irgendwelche strikten Ernährungspläne übernehmen, sondern die sich selbst auf die Suche begeben und Dinge einfach mal ausprobieren. Wobei ich an dieser Stellen auch anmerken möchte, dass man für diesen Schritt natürlich auch bereit sein muss - vielen helfen möglichst genaue Essenspläne ja auch, vor allem in einem frühen Stadium der Heilung. Das ist klar. Aber ob Gluten mir gut tut oder nicht, ob ich mit veganer Ernährung leistungsfähiger bin oder nicht, und ob Milchprodukte bei mir verstärkt zu FAs führen oder nicht, das kann ich doch nur herausfinden, wenn ich es ausprobiere. Und an diesem Ausprobieren kann ich tatsächlich nichts Schlimmes finden - im Gegenteil.

Wichtig ist hier dennoch, dass man irgendwann zu einem sicheren Essverhalten findet, das einem eben auch die Geborgenheit und die Sicherheit gibt, die Essen geben kann. Damit meine ich die gesunde Geborgenheit, nicht die falsche, nicht die kontrollierende. Wichtig ist, dass diese Suche nicht zu einer generellen Verunsicherung führt. Die Suche ist richtig und wichtig, wenn der Weg des Experimentierens mit Genussmomenten gepflastert ist, mit neuen Entdeckungen, und wenn sie letztlich zu einem individuell guten Essverhalten führt, das Körper und Geist nährt.

Was bedeutet "normal" im Bezug auf das Essverhalten? Vor vielen Jahren habe ich mich mit dieser Frage beschäftigt und kann heute ganz bestimmt darauf antworten: Normal ist das, was sich im Rahmen der Norm befindet - also das, was der Durchschnitt denkt und macht. Eine Norm ist somit immer ein gesellschaftlich verankertes Phänomen und hat mit dem, was ich persönlich fühle und möchte, zunächst mal rein gar nichts zu tun. Es ist für mich nur ein Orientierungsmaßstab - und wenn ich sehe, ich weiche davon ab, dann ist das in meinen Augen keine Wertung, sondern in allererster Linie erstmal eine Feststellung. Also ist auch ein "normales Essverhalten" nicht gut oder schlecht - es ist nur das Essverhalten des Großteils unserer Gesellschaft.

Man könnte den Gedanken natürlich auch weiterführen und würde dann feststellen, dass ein Großteil unserer Gesellschaft ja auch übergewichtig ist, unter chronischen Krankheiten leidet und dass diese Phänomene auch wiederum auf das Essverhalten zurückzuführen sind. Also gibt es für mich überhaupt keinen Grund, dieses normale Essverhalten anzustreben, da ich ja sehe, dass es nicht immer gut und gesund sein kann.

Darum ist es eben unerlässlich, dass sich jeder mit Essstörung auch ganz persönlich mit der Frage auseinandersetzt, welche Art der Ernährung ihm gut tut, und dass dies nicht nur ein Gedankenspiel bleiben kann, sondern dass das Suchen nach diesem individuell guten Essverhalten auch viel Experimentieren beinhalten sollte, denn nichts ist so wertvoll wie die eigene Erfahrung.

Samstag, 27. August 2016

Körperliche Symptome bei der Heilung: Wie lange dauert die Regeneration?

Sehr oft wird mir die Frage gestellt, wie lange es "nach" der Bulimie bzw. auf dem Weg der Genesung dauert, bis sich einzelne Symptome wieder normalisieren. Darum habe ich eine kurze Liste mit den häufigsten Symptomen für euch gemacht, die auf meiner Erfahrung basiert:


Hamsterbacken:

Wie entstehen sie?
  • Hamsterbacken entstehen durch überbeanspruchte Speicheldrüsen. Beim Erbrechen wird sehr viel Speichel gebildet, wodurch die Drüsen teilweise bis auf das Doppelte oder Dreifache der normalen Größe anschwellen und dadurch als ein wichtiges äußeres Erkennungsmerkmal der Bulimie gelten. Der Fachbegriff hierfür ist Sialadenose
Wie bilden sie sich zurück?
  • Damit sie sich zurückbilden, darf also nicht mehr erbrochen werden (dabei wird sehr viel Speichel benötigt). Je seltener erbrochen wird, desto eher bilden sie sich zurück. Möglicherweise unterstützt das Lymphsystem den Prozess, dessen Aktivität durch Bewegung angeregt werden kann. Bewegung könnte das Abschwellen also beschleunigen, allerdings habe ich noch keine wissenschaftlichen Belege für diese Vermutung finden können.
Wie lange dauert es?
  • Nach meiner Erfahrung dauert es ca. 3 - 4 Wochen, je nachdem, wie stark die Schwellung war. 


Haarausfall

Wie entsteht er?
  • Haarausfall bei Bulimie wird durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren verursacht. So sind Hormonstörungen, Nährstoffmangel (inkl. Eiweißmangel) und ein zu hoher Cortisolspiegel (Stresshormone) für den Haarausfall verantwortlich. Dadurch kann es einige Zeit dauern, bis sich das Haarwachstum wieder normalisiert. 
Wie normalisiert er sich?
  • Wenn ausreichend Nährstoffe über die Ernährung zugeführt werden und das Stresslevel gesenkt wird, können sich die Haare wieder regenerieren.
Wie lange dauert es?
  • Es braucht ca. 3-6 Monate (je nach Länge), bis sich Veränderungen zeigen. Der Ansatz kann aber schon sehr viel früher nachwachsen. Die Haare werden wieder gesünder, glänzen mehr und werden voller.
Wikimedia Commons


Trockene Haut

Wie entsteht sie?
  • Hauptsächlich entsteht trockene Haut aufgrund des Nährstoffmangels und weil die Nahrung durch das Erbrechen nicht vollständig aufgenommen werden kann. In gewissen Bereichen kann trockene Haut allerdings auch durch den Kontakt mit Magensäure entstehen, wie um den Mund herum oder auf der Handfläche.
Wie normalisiert sie sich?
  • Wie bei allen anderen Symptomen auch, hilft nur, das Erbrechen zu reduzieren. Dann kann der Körper wieder die notwendigen Nährstoffe aus der Nahrung aufnehmen und sie den einzelnen Körperbereichen, einschließlich der Haut, zuführen. 
Wie lange dauert es?
  • Dieses Symptom ist oft schon schnell wieder verschwunden: ca. nach 3 Monaten.


Vergrößerter Magen

Wie entsteht er? 
  • Wer monate- oder jahrelang zuviel auf einmal isst, dessen Magen vergrößert sich, weil sich der Körper an die Gegebenheiten anpasst. Oft geht damit auch eine Verlangsamung der Magenentleerung einher sowie entsprechende Verdauungsprobleme und ein generelles Unwohlsein, weil der Körper nicht mehr richtig arbeitet.
Wie normalisiert er sich? 
  • Wenn die Mahlzeiten hinsichtlich ihrer Größe langsam normalisiert werden, passt sich der Körper auch wieder daran an und schrumpft. 
Wie lange dauert es?
  • Meiner Erfahrung nach dauert dieser Prozess ca. 2-4 Monate.


Empfindliche Zähne

Wie entstehen sie?
  • Durch das Erbrechen gelangt Magensäure in den Mund und in Kontakt mit den Zähnen. Dadurch wird der Zahnschmelz, die "Schutzschicht" der Zähne stark angegriffen.
Wie normalisieren sie sich?
  • Durch Vermeiden des Erbrechens und möglichst säurearme Ernährung (also wenig saure Früchte und Süßes), werden die Zähne geschützt und der Zahnschmelz kann remineralisieren. Gewisse Zahnpflegeprodukte wie Elmex Gelee oder Sensodyne Proschmelz können die Zähne zusätzlich schützen und verloren gegangene Mineralien in den Zahnschmelz zurückführen.
Wie lange dauert es?
  • Je nachdem, wieviel Zahnschmelz bereits geschädigt wurde, kann es sein, dass sich das Zahnschmelz gar nicht mehr normalisiert. Wenn allerdings noch keine Zahnschäden bekannt sind und die Zähne nur ab und zu empfindlich reagieren, kann sich das Symptom bereits nach wenigen Wochen wieder zurückbilden.

Verdauungsstörungen (v.a. Verstopfung)

Wie entstehen sie?
  • Durch die lange unregelmäßige Nahrungszufuhr und dem Erbrechen wurde der Körper auf eine harte Probe gestellt. Die Verdauung, wie auch alle anderen körperlichen Vorgänge, unterliegen einer biologischen Uhr, dem Biorhythmus. Wenn beispielsweise nachts viel gegessen wird, bringt allein das den Körper schon stark aus seinem ursprünglichen Gleichgewicht. Wenn das Essen dann bei der Bulimie allerdings auch noch erbrochen wird, ohne dass der Körper es "will", dann wurden bereits mehrere Verdauungsprozesse erwartungsvoll angeworfen, ohne dass letztlich "etwas kommt". So können die Abläufe also nicht wie natürlich vorgesehen stattfinden und der Prozess wird verlangsamt: die Verdauung erlahmt und Verstopfung entsteht. 
Wie normalisiert sich die Verdauung?
  • Wie viele der anderen Symptome auch, funktioniert die Verdauung durch Regelmäßigkeit am besten. Wenn man sich eine Struktur schafft, arbeitet auch der Körper mit und reagiert mit Hunger zu den entsprechenden Zeiten und einer geregelten Verdauung (z.B. Stuhlgang immer morgens zur ungefähr gleichen Uhrzeit).
Wie lange dauert es?
  • Auch hier gilt: Je stärker die Verdauung aus dem Gleichgewicht geraten war, desto länger braucht es, bis sie wieder normalisiert ist. Nach ca. 2-3 Monaten kann sie sich schon wesentlich verbessert haben, manchmal sogar schon nach wenigen Wochen.

Wassereinlagerungen

Wie entstehen sie?
  • Die offizielle Erklärung für Wassereinlagerungen basiert auf dem Elektrolythaushalt bzw. dem Ungleichgewicht der Mineralien im Körper, die durch Erbrechen und ungenügende / unausgewogene Ernährung entstehen. Daran besteht kein Zweifel. Eine gesunde Ernährung, vor allem mit vielen pflanzlichen Lebensmitteln, enthält aber noch viele Bestandteile, die gegen Wassereinlagerungen wirken, indem sie den Stoffwechsel unterstützen und das überschüssige Wasser abtransportieren. Oft sind bei Bulimie jedoch auch Nierenstörungen vorhanden, die für Wassereinlagerungen verantwortlich sind, und die von einem Arzt behandelt werden müssen.
Wie können die Wassereinlagerungen wieder verschwinden?
  • Wie alle anderen Symptome auch, können die Wassereinlagerungen durch eine ausgewogene Ernährung und das Vermeiden von Erbrechen rückgängig gemacht werden. Indem dem Körper wieder die notwendigen Mineralien und Nährstoffe zugeführt werden, besteht kein "Anlass" mehr, Wasser im Körper anzulagern.
Wie lange dauert es?
  • Die Wassereinlagerungen können nach wenigen Wochen wieder verschwinden. Sport kann den Prozess beschleunigen, indem es den Stoffwechsel anregt und das Lymphsystem und somit den Abtransport des überschüssigen Wassers unterstützt. Gleichzeitig sollte ausreichend getrunken werden, um dem Körper bei diesem Prozess zu helfen.

Samstag, 20. August 2016

Von der Bulimie wegkommen: Ein Ernährungs-Gerüst, das dabei helfen kann

Die Frage danach, ob es eine Ernährungsweise gibt, um die Bulimie zu überwinden, stellt sich wohl jeder Betroffene regelmäßig. 

Die Schwierigkeit besteht darin, dass es niemanden gibt, der verlässlich Auskunft dazu geben kann. Viele Ratschläge, die man im Internet finden kann, sind widersprüchlich. Mal ist es die Rohkost, mal vegan, mal steinzeitlich. Mal soll man Weizen- und Milchprodukte weglassen, weil sie suchtauslösend wirken sollen. 

Und mal soll man gar nicht über die richtige Ernährung nachdenken, sondern hauptsächlich auf seinen Körper hören - doch genau damit tun sich so viele Betroffene schwer.


Im Endeffekt willst du mit einer normalen Ernährung wahrscheinlich folgendes erreichen:
  • dir weniger Sorgen ums Essen machen
  • weniger Gedanken ans Essen verschwenden, um mehr Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens zu haben
  • deinem Körper wieder die Nährstoffe geben, die er braucht
  • das Essen wieder genießen


Meine eigene Erfahrung hat mir gezeigt, dass eine feste Struktur (ein "Gerüst) enorm wichtig ist, um die Bulimie hinter sich zu lassen. Daher will ich euch heute ein paar Eckpfeiler dazu aufzeigen, damit ihr euch solch ein solches Gerüst aufbauen könnt. 


Mit einem eigenen Ernährungs-Gerüst beantwortet ihr euch selbst einzelne Fragen:

  • wann (welche Tageszeit) 
  • esse ich was (welche Lebensmittel, wie sind sie zubereitet)
  • wie (unter welchen Umständen, schön gedeckter Tisch etc.) 
  • wo (an welchem Ort - zuhause, an einem Tisch, auf dem Sofa, etc.)  
  • und wieviel davon (welche Portionsgröße, vielleicht gibt es einen bevorzugten Teller, eine Schale etc.). 

Das kann man natürlich nicht zu jeder Zeit einhalten, denn als soziale Wesen begeben wir uns in Situationen, in denen wir nicht alle Bedingungen steuern können. Das gehört zu einem normalen, anzustrebenden Essverhalten auch dazu, und damit von vornherein zu rechnen und sich zu überlegen, wie man damit umgehen kann, kann die Angst davor nehmen.


9 Tipps für Einsteiger: 


Diese Tipps kannst du zum Aufbauen eines eigenen Ernährungs-Gerüsts nutzen. Sie geben zunächst keine Hinweise darauf, welche Art von Lebensmittel dir helfen könnten, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass dieses Gerüst am Anfang sehr viel wichtiger ist.



1. Nicht zu viel auf einmal wollen:

Das bedeutet beispielsweise, sich am Anfang nicht zu viele Herausforderungen zu stellen. Anstatt gleichzeitig normale Portionen und sehr gesund essen zu wollen, wird wahrscheinlich nicht klappen. Besser ist es, beispielsweise mit den Abständen zwischen den Mahlzeiten zu beginnen


2. Keine Vorräte von riskanten (oder nicht völlig risikofreien) Lebensmitteln


Wenn du normal einkaufst, hast du vielleicht die Vorstellung, dass normale Menschen ja auch mehr einkaufen, als sie an einem oder zwei Tagen essen können. Ja, normale Menschen machen das so, sie legen Vorräte an, und lagern die Sachen für Wochen oder Monate. Aber es ist keine gute Idee, es genauso zu machen. Denn wenn die Sachen erstmal in deiner Wohnung sind, ist die Hürde sehr viel niedriger, sie auch zu essen - und das während eines FAs. Du weißt für dich selbst, welche Lebensmittel gefährlich sind, und welche du ohne Probleme auch als Vorrat zuhause haben kannst. Aber stell dich nicht unnötig unter Druck. Geh lieber zur Not jeden Tag einkaufen, als weiter im Bulimie-Kreislauf zu versacken - du wirst immer noch Zeit (und Geld) sparen.


3. Wissen, dass Weizen und Milch tatsächlich „süchtig“ machen kann


Weizen und Milch enthalten Stoffe (Gluten und Kasein), das süchtig machen kann (und FAs auslösen kann), wenn eine gewisse Veranlagung oder Sucht-„Erinnerung“ besteht. Das heißt aber nicht, dass du auf diese Lebensmittel verzichten musst. Teste es für dich aus, wie du darauf reagierst, oder ob es dir vielleicht sogar hilft, diese Lebensmittel einzubauen, weil sie einen besonderen Belohnungseffekt haben, für den Betroffene besonders empfänglich sind.


4. Essen langfristig wieder als etwas Nährendes betrachten


Dieser Gedanke ist sehr wichtig, um dieses Gerüst entstehen zu lassen. Essen sollte wieder etwas werden, das Körper, Geist und Seele nährt. Essen gibt dem Körper eben nicht nur Energie und Nährstoffe, sondern hat auch sehr viel mit Genuss zu tun, den man wieder lernen kann.


5. Pausen zwischen den Mahlzeiten lassen


Lass zwischen den Mahlzeiten Pausen, die lang genug sind, um wieder ein Hungergefühl wahrzunehmen bzw. zu entwickeln (4-5 Stunden) und auch, um dem Körper genug Zeit zum Verdauen zu geben. Das Prinzip des „Snackens“ ist überhaupt nicht gesund für den Körper. Vielmehr ist das Verdauungssystem darauf ausgelegt, auch mit längeren Pausen klarzukommen. Pausen zwischen den Mahlzeiten entlasten die Verdauung und geben dem Körper so Zeit, sich anderen Baustellen zu widmen, wie der Reparatur von ganz normalen Zellschäden, die ständig überall im Körper entstehen. In vielen anderen Kulturen wird traditionell "mit Pausen" gegessen, z.B. in der indischen Ernährungsweise des Ayurveda.


6. Portionsgröße: große Portionen sind OK! 


Von der Bulimie bist du wahrscheinlich Essanfälle mit riesigen Mengen gewöhnt. Davon willst du natürlich wegkommen. Sich gleich von Anfang an an normalen Portionen zu orientieren muss aber nicht unbedingt der richtige Weg für jeden sein. Für mich hat das zum Beispiel nicht funktioniert. Ich habe mich auf das Frühstück als Hauptmahlzeit orientiert. Das heißt, ich habe mir viel Zeit dafür genommen und die meisten meiner Tageskalorien zum Frühstück gegessen. Lass dich also nicht von der "Norm" irritieren. Auch wenn es mehr ist, als andere Menschen essen würden.


7. Hilfsmittel sind auch OK! 


Wenn du die langen Pausen zwischen den Mahlzeiten am Anfang nicht leicht erträgst, kaue ruhig Kaugummi, trinke etwas oder lenk dich ab. Das Ziel sollte sein, dich an diesem Gerüst orientieren zu können, dich daran entlanghangeln zu können, so dass es dir mit der Zeit immer leichter fallen wird, nicht ständig ans Essen zu denken. Es geht darum, sich eine andere Verhaltenweise beim Essen anzugewöhnen. Und das geschieht durch ständige Wiederholungen. Egal, wie schwer es am Anfang ist, wenn du es schaffst, lange Zeit keinen FA zu bekommen, wird es dir immer leichter fallen, auf alternative Handlungsstrategien zurückzugreifen, weil im Gehirn die entsprechenden Netzwerke dafür geschaffen wurden, die dich dabei unterstützen.


8. Eine „Haupt"- Mahlzeit festlegen


Dieser Punkt muss nicht für jeden zutreffen - mir hat er sehr geholfen: Entscheide dich, welche Mahlzeit am Tag die wichtigste für dich sein soll und wann du sie einnehmen willst. Viele Menschen müssen sich bei ihren Mahlzeiten an gesellschaftlich genormten Uhrzeiten orientieren: Frühstück, Mittagessen und Abendessen haben sich bei uns etabliert. Wenn du alleine lebst und beispielsweise Student bist, kannst du vieles frei entscheiden. Wenn du jeden Tag Lust auf einen ausgiebigen Brunch hast, warum nicht? In vielen anderen Fällen, bei Berufstätigkeit beispielsweise, wirst du dich wahrscheinlich auf das Abendessen konzentrieren. Lass dir dann genug Zeit bei der Zubereitung der Mahlzeit und genieße dein Essen.


9. Nur das essen, was dir wirklich schmeckt


Das klingt vielleicht ein bisschen profan und banal, aber überlege mal: wie oft hast du schon etwas gegessen, nur weil es eben da war, weil es gesund war, oder weil es andere auch gegessen haben? Klar, oft gibt es Situationen, in denen man etwas mitisst, das ist auch ok und man muss es auch nicht übertreiben. Aber das Ziel sollte es sein, sein Essen wirklich wieder bewusst wahrzunehmen. Wie gut gelingt das bei Essen, das du eigentlich gar nicht magst? Dann versuchst du, es schnell hinter dich zu bringen. Dann lass es lieber sein, denn das kenne ich auch noch von mir selbst: wie oft hat  beispielsweise ein gesundes, aber nicht wohlschmeckendes Essen, einen anschließenden Essanfall ausgelöst? Man hat in diesen Situationen das Gefühl, als hätte man sich mit dem gesunden Essen zu etwas gezwungen, das man eigentlich nicht wollte, und fühlt sich dadurch in seinen Bedürfnissen missachtet- dann ist der Schritt zum FA nicht mehr weit.



2 weitere Tipps für Fortgeschrittene: 


Wenn du die dich mit deinem Gerüst sicher fühlst, kannst du es sozusagen mit "Inhalt" füllen und dich näher mit der Frage beschäftigen: "Was soll ich essen?". 

1. Möglichst viele pflanzliche Lebensmittel einbauen

Pflanzliche Lebensmittel haben sehr viele Vorteile, und das haben sie eigentlich für alle Menschen, aber insbesondere für Menschen, die aus der Bulimie herauskommen wollen. Denn pflanzliche Lebensmittel enthalten viele Ballaststoffe, die die Verdauung wieder ins Gleichgewicht bringen können. Die in Pflanzen enthaltenen Phytochemikalien erfüllen im Körper einige wichtige Funktionen (Auszug aus "Superimmun" von Joel Fuhrmann, S. 25):
  • "Sie regen die Produktion entgiftender Enzyme an.
  • Sie hemmen die Entstehung freier Radikale
  • Sie deaktivieren und entgiften krebserregende Substanzen.
  • Sie schützen Zellen vor Schäden durch Toxine
  • Sie kurbeln die Reparatur beschädigter DNA-Sequenzen an.
  • Sie hemmen die Replikation (Verdoppelung) des DNA-Gehaltes einer Zelle, wenn diese beschädigt ist.
  • Sie bekämpfen Pilze, Viren und Bakterien.
  • Sie hemmen die Funktion beschädigter oder genetisch veränderter DNA.
  • Sie verbessern die Fähigkeit der Immunzellen, Krankheitserreger und Krebszellen zu vernichten (zytotoxische Wirkung).
Phytochemikalien schützen zudem vor Krebs, indem sie das Immunsystem stärken - sie vernichten Krankheitserreger wie Viren und Bakterien.

2. Möglichst viele unverarbeitete Lebensmittel essen


Wenn du dir überlegst, wie du Essen wieder in gesundem Maß zu dir nehmen kannst, dann kommst du um unverarbeitete Lebensmittel nicht herum. Nur so kannst du sicherstellen, dass nichts enthalten ist, was du nicht auch in deinem Körper haben willst. Also keine Konservierungsstoffe, Füllmittel oder andere künstliche Zusatzstoffe.


Tipp zum Schluss: Die Umsetzung


Wenn du nun zum Schluss kommst, dass dir so ein Gerüst helfen könnte, dann kannst du es optimal planen, wenn du dich wirklich mit einem Blatt Papier und Stift hinsetzt und dir deine konkrete Vorstellung dazu aufschreibst oder aufzeichnest. Das muss nicht direkt alle Mahlzeiten abdecken, du kannst auch erstmal mit einem Beispieltag beginnen. 

Vielleicht machst du auch eine Collage mit Bildern von Mahlzeiten an deinem Computer. Am besten wird es funktionieren, wenn du dir ganz genau vorstellst, was du wann etc. essen willst. Frag dich also auch, wie es schmecken und aussehen wird, und wie du es anrichten willst. Probier einfach ein bisschen herum, so dass du mit einem guten Gefühl aus der Planung herausgehst.

Samstag, 13. August 2016

Die größte Gefahr, wenn man die Bulimie hinter sich lässt

Ich kann mich noch gut erinnern, wie es damals war... Man hat man das Gefühl: Wenn ich die Bulimie erstmal los bin, habe ich mein größtes Problem beiseite geschafft - und dann mach ich alles mit links. Nichts kann mich dann mehr aufhalten, das zu tun, was ich wirklich tun möchte.

Natürlich ist das Quatsch. Und ich glaube auch, dass das die meisten zumindest ahnen. Denn klar, die Bulimie hinter sich zu lassen, ist eine Monsteraufgabe, das schafft man nicht „einfach so“, und auch nicht von einem Tag auf den anderen.

Aber was danach kommt, darüber sind sich viele zumindest zu Beginn ihres Heilungswegs nicht ganz klar - und das ist auch niemandem zu verdenken. Danach, nach dem Loslassen der bulimischen Symptomatik, warten noch ganz viele andere, neue Herausforderungen, die niemand im Vorfeld wirklich vorhersehen kann.

Der Grund dieser neuen Herausforderungen liegt in der Vergangenheit begründet: jemand, der sich über Jahre hinweg hauptsächlich mit Essen, Nichtessen, Ernährung und diversen organisatorischen Dingen wie Einkaufen, Übergeben und „Ausgleichssport“ beschäftigt hat, der wird sich in vielen normalen Bereichen des Lebens schwertun: sei es, wenn es um soziale Kontakte geht, in der Freizeitgestaltung (was tun mit der vielen freien Zeit?) oder dabei, eine neue, echte Sicherheit in sich selbst zu finden.

Dass das überaus schwierig sein kann, zeigt zum Beispiel auch der Umstand, dass die Selbstmordrate unter Adipositaspatienten nach einer Magenbandoperation 4 mal höher sind als bei Nichtoperierten. Der Grund liegt ganz einfach darin, dass diesen Menschen der für sie einzig funktionierende Kompensationsmechanismus „genommen" wird. Sie können mit den Emotionen, Konflikten und vielleicht auch der vielen freien Zeit (die sie nicht mehr mit Essen füllen können) nicht umgehen, so dass ihnen der Suizid als einziger Ausweg erscheint.

Auch beim Weg aus der Bulimie gibt es keinen „Quick Fix“, keinen Schalter, den man schnell umlegen kann. Scheitern gehört auf diesem Weg mit dazu, und scheitern ist normal und längst kein Grund aufzugeben.

Beachtet auf eurem Weg auch immer, dass die Bulimie keine rein psychologische Störung ist, sondern dass die Ernährung eine ganz große Rolle spielt. Es gibt Lebensmittel, die wie Drogen wirken, und das weiß glücklicherweise mittlerweile auch die Wissenschaft (und auch viele Psychologen). 2 wichtige Stichworte hierzu sind Kasein und Gluten, hier auf dem Blog habe ich vor längerem schon Artikel dazu geschrieben.

Freitag, 5. August 2016

Kann man von der Bulimie loskommen und gleichzeitig auf sein Gewicht achten?

Diese Frage stellt sich wahrscheinlich jeder, der Bulimie hat und sich Gedanken darüber macht, wie es denn aussähe, wenn man sie loswerden würde, die Bulimie. Aber niemand - und ich glaube wirklich niemand - hat Lust darauf, zuzunehmen. Es sei denn, man hat tatsächlich Untergewicht und akzeptiert es aufgrund dessen irgendwie. Solange kein Untergewicht besteht, hegt sicherlich der Großteil der Menschen mit Bulimie den heimlichen Wunsch, noch ein paar Kilos zu verlieren.

Der Haken dabei ist nur: Wenn man immerzu auf sein Gewicht achtet, abnehmen will und es vor allem verabscheut - wenn auch nur wenig - zuzunehmen, dann ist da überhaupt kein Platz für einen gesunden Umgang mit dem Essen. Und es ist leider die Wahrheit: So wird man keinen Weg aus der Bulimie finden. Denn so wird das kleinste über-die-Stränge-Schlagen zum unverzeihlichen Fehltritt, der in den eigenen Augen alles wieder zunichte macht, was man in den Tagen, Wochen und Monaten zuvor erreicht hat. Man hat das Gefühl, wieder bei Null anzufangen. Und das demotiviert und raubt auch den kleinsten Hauch an Selbstdisziplin, die unweigerlich zur Genesung dazugehört. (An dieser Stelle möchte ich anmerken: Selbstdisziplin und Selbstgeißelung sind zwei unterschiedliche Dinge.) Entweder verfällt man nach diesem Ausrutscher in eine „jetzt ist eh schon alles egal“-Haltung oder man kasteit sich selbst ganz schrecklich, und erlaubt sich überhaupt keinen Genuss mehr, denn man hat ja versagt.

Auf meine eigene Geschichte zurückblickend, kann ich in diesen Situationen nur raten: Denkt in Wochen und Monaten, nicht in Tagen. Denkt an das Wohlgefühl, das ihr bekommt, wenn ihr nicht mehr kotzt. Denkt an euren Körper, der gesund sein wird, der gut versorgt wird, nicht an euer Gewicht.

Ich kenne übrigens niemanden, der von der Bulimie losgekommen ist, und der langfristig mit seinem Gewicht (das er sozusagen ohne Bulimie „bekommen“ hat) nicht zufrieden gewesen wäre. In meinem ganz persönlichen Fall liegt mein Gewicht im Normalbereich, ich bewege mich oft und gern, ernähre mich gesund und gönne mir relativ oft was. Das Gewicht zu halten ist kein großer Aufwand mehr, es gehört einfach in den Alltag und bereitet kein Kopfzerbrechen mehr und ich muss auch keine Dinge wieder geradebiegen, die ich durch FAs verbockt habe. Das schafft so viel Zeit für wirklich wichtige Dinge.

Samstag, 30. Juli 2016

Was ist Selbsterkenntnis und warum ist sie so wichtig auf dem Heilungsweg?

Selbsterkenntnis ist die Fähigkeit eines Menschen, sein Handeln, sein Denken und seine Standpunkte selbst wahrzunehmen, kritisch zu hinterfragen und zu beurteilen. Sie beinhaltet auch die Erkenntnis über das eigene Wachstumspotenzial.

Da Selbsttäuschung das Gegenteil von Selbsterkenntnis ist, könnte man fast schon so weit gehen, Bulimie oder das „Ausführen“ der bulimischen Symptomatik als ein Ausdruck unterdrückter Selbsterkenntnis zu bezeichnen.

Selbsterkenntnis ist die Grundvoraussetzung, um sich selbst weiterzuentwickeln. Sie ist erforderlich, um die eigene Persönlichkeit entfalten zu können und um sich letztlich selbst zu verwirklichen. Selbsterkenntnis ist ein langer Prozess, und viele Auffassungen gehen davon aus, dass er das ganze Leben lang dauert.

Ein Weg aus der Bulimie ist nur dann möglich, wenn man sich weiterentwickelt. Also ist Selbsterkenntnis Teil dieses Wegs. 

Doch wie erlangt man diese Selbsterkenntnis?


Selbsterkenntnis erlangt man dann, wenn man sich selbst besser kennenlernt: Wenn man die eigenen Schwächen und Stärken, Wünsche und Ängste, Ziele und Hindernisse, Vorlieben und Abneigungen wahrnimmt und bewusst formuliert.

Zu Beginn klappt das tatsächlich am Besten, wenn man es aufschreibt, z.B.:
  • Was kann ich gut? / Womit habe ich Schwierigkeiten, wobei bin ich schnell frustriert?
  • Was mache ich gern, was begeistert mich? / Was mache ich nicht so gern, wobei langweile / ärgere ich mich?
  • Womit kann man mir eine Freude machen? (was oft auch bedeutet: damit kann ich mir selbst eine Freude machen!) / Worüber freue ich mich überhaupt nicht?
  • Was macht mir Angst? / Aber auch: Womit kann ich mich herausfordern, um daran zu wachsen?
  • Welche Wünsche und Ziele habe ich? Und auch: Wo möchte ich in 5 Jahren stehen, was möchte ich erreicht haben, welche Menschen umgeben mich?

Selbsterkenntnis ist für jeden Menschen wichtig, egal, ob er Bulimie oder eine andere Essstörung hat oder „normal“ ist. Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentwicklung sollten jedem Menschen wichtig sein- denn wir leben in einer Welt, die sich ständig verändert, und daher ergibt sich eine ständig wechselnde Umgebung. Daher ist jeder Mensch immer wieder dazu angehalten, sich neu zu hinterfragen und seine Handlungen und Einstellungen zu überdenken.

Samstag, 23. Juli 2016

Ein Wundermittel?!

Was kommt auf eure FA-Wunschliste? Bildquelle

Diesen Blog gibt es nun schon mehrere Jahre (seit 2010), und all die Jahre habe ich ein Geheimnis für mich behalten.

Heute ist es soweit- ich verrate euch eines meiner „Wundermittel“, das mir beim Weg aus der Bulimie geholfen hat.

Der wesentliche Grund, warum ich bisher noch nichts darüber geschrieben habe, war der, dass ich bisher dachte, es wäre "zu krass" und zu riskant. Mittlerweile denke ich aber, dass es ein zu krass oder zu riskant bei Bulimie überhaupt nicht gibt - richtig ist, was hilft. Und daher ist es auch wichtig, darüber zu schreiben.


Wie ich darauf kam


Die Idee zu diesem "Mittel" kam mir, als ich fieberhaft nach einer Möglichkeit suchte, von dem immensen Druck wegzukommen, keinen FA mehr zu bekommen. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, dass ich es schaffen würde, wenn ich mir die FAs für immer verbieten würde. Aber ich hatte auch keine Lust und auch keine Energie mehr, ständig von ihnen überrollt zu werden und die Kontrolle zu verlieren. Und dann auch noch Sachen in mich hineinzustopfen, die ich gar nicht mochte.


Das "Wundermittel"


Meine Antwort auf diesen Konflikt war eigentlich ganz simpel: Ich plante einen FA am Wochenende. Ich erlaubte mir also einen FA an einem Tag in der Woche, und alle anderen Tage waren tabu. Da ich schon relativ normal aß und nicht jeden Tag FAs hatte, war das für mich absolut machbar.

Der große Vorteil daran war, dass ich bewusst für diesen FA einkaufen konnte. So kaufte ich also nur das ein, was ich wirklich essen wollte. Ich musste nicht auf rohen Kuchenteig oder trockenen Reis zurückgreifen.

Durch diese Methode bekam ich zumindest teilweise das Gefühl der Kontrolle zurück. Ich plante den FA, kaufte dafür ein und schuf die Rahmenbedingungen, um ihn bewusst wahrzunehmen. Konkret sah es so aus, dass ich über die Woche hinweg eine Liste anfertigte, auf der ich alle Lebensmittel notierte, die ich gerne an meinem erlaubten FA essen wollte. Erstaunlich daran war, dass ich dadurch feststellte, dass ich einige Dinge eigentlich gar nicht mochte, sondern dass ich sie aus reiner Gewohnheit immer wieder während der FAs gegessen hatte. Die Liste wurde also zu einer Art "Wunschliste" für meinen FA-Einkauf.

Das Paradoxe an dem Ganzen war, dass ich irgendwann gar keine Lust mehr auf diesen geplanten FA hatte, denn mir wurde dadurch klar, wieviel Zeit ich für dieses absurde Hobby verschwendete und was ich alles Schöneres hätte tun können.

Zunächst plante ich diese FAs als normale FAs, nach einiger Zeit nahm ich mir auch vor, danach nicht mehr zu erbrechen. Dieser zweite Schritt hatte einen weiteren Effekt: Ich nahm nämlich viel stärker wahr, wann ich wirklich befriedigt war - wo also die Grenze lag zwischen "gesättigt / befriedigt" und dem Punkt, ab dem es nur noch um reines Vollstopfen ging.


Und nicht nur Essgestörte machen es...


Wie ich erst vor kurzem erfahren habe, wird diese Idee als sog. Cheatday auch in anderen Bereichen (Fitness und Bodybuilding) als bewährte Methode eingesetzt, um das Gewicht zu halten und gleichzeitig seinen ungesunden Gelüsten fröhnen zu können.

Klar ist, dass diese Methode eher nicht dauerhaft eingesetzt werden sollte, dazu ist sie auch gar nicht gedacht. Sie kann aber beim Einstieg in einen angenehmeren, druckfreieren und FA-bereinigten Alltag sehr wohl helfen. Schreibt mir doch mal, ob ihr sowas schon mal selbst gemacht habt oder ob ihr euch das vorstellen könntet.

Samstag, 3. Oktober 2015

Kann man es eigentlich auch ohne Therapie schaffen?

Oftmals bekomme ich die Frage gestellt - meist von Leuten, die schon mehrere Therapien hinter sich haben - ob eigentlich jeder Betroffene eine (Psycho-)Therapie machen sollte, beziehungsweise ob man es auch ohne Therapie aus der Bulimie herausschaffen kann.

Prinzipiell lautet meine Antwort darauf: Ja, man kann ohne Therapie gesund werden (schließlich habe ich es auch letztlich alleine herausgeschafft und vertrete daher natürlich diese Meinung) - aber man muss eine Reihe von Voraussetzungen mitbringen, um diesen Weg alleine zu bestreiten.

Aber wieviele Leute sind dafür bereit?


Leider sind die meisten Leute nicht dafür bereit. Das hat unterschiedliche Gründe. Viele wissen nicht, woher sie die nötige Hilfe zur Selbsthilfe bekommen und fühlen sich aufgrund der Krankheit meist selbst auch so entmutigt, dass sie diesen Schritt von sich aus gar nicht erst wagen. Das ist kein Vorwurf an Betroffene, sondern leider die Realität, die durch die öffentliche Meinung auch oft noch verstärkt wird.  

"Ohne Hilfe von außen kannst du es nie schaffen" scheint ein Standardsatz zu sein, den viele Betroffene hören. Dabei ist dieser Satz nicht immer wahr.

Es ist zwar äußerst schwierig, diesen Weg ohne Therapie zu gehen- aber nicht unmöglich - und es kann sogar eine Chance sein, sich bewusst keinen Therapeuten zu suchen. Warum? Weil man sich unabhängig macht und dann in den allermeisten Fällen auch zu denen gehört, die erkannt haben, dass man sich selbst helfen muss und das Leben, ganz allgemein und nicht nur auf die Bulimie bezogen, nur gelingen kann, wenn man es in die eigenen Hände nimmt.

Dabei schließt diese Erkenntnis gar nicht aus, dass man sich trotzdem einen Therapeuten sucht.

Aber wie auch immer- eines ist klar: die Heilung von Bulimie ist ein Weg und kein Einzel-Event. Kein "Klick" und dann ist alles anders. Denn Veränderungen brauchen Zeit, und letztlich muss man in jedem Fall, auch wenn der Wille noch so groß ist, gegen alte Gewohnheiten kämpfen. Dabei gibt es leichte und schwere Tage, Momente, Phasen.

Ich weiß, dass viele auf diesen "Klick" jahrelang warten und sich auch wiederholt bewusst dafür entscheiden, es jetzt sein zu lassen.

Wann also Therapie? 


Eine Therapie kann generell zweierlei bewirken: einerseits kann sie jemanden dabei unterstützen, die Entscheidung gegen die Bulimie bewusst zu fällen und andererseits kann sie jemandem helfen, der diese Entscheidung schon für sich getroffen hat, den Weg zu bestreiten. Eigentlich sind es nur diese beiden Dinge, bei denen die Therapie den Betroffenen unterstützt. Die dann Lösungen anbietet, wenn man selbst nicht mehr weiterkommt; die den Druck angesichts der unklaren Beschaffenheit dieses Wegs, der vor einem liegt, ein wenig wegnimmt.

Oft spielt auch der Aspekt eine Rolle, dass der Therapeut sich exklusiv Zeit zum Zuhören nimmt. Das ist beispielsweise mit Freunden nur begrenzt möglich, da man sich mit Freunden meist im Dialog unterhält. Im Normalfall möchte man als Betroffener seine Freunde auch nicht derart mit den eigenen Problemen belasten, und auch der Freund / die Freundin könnte sich aufgrund der Schwere des Problems überfordert fühlen. Wenn sich allerdings jemand von sich aus als Gesprächspartner genau dafür anbietet, so ist das natürlich einen Gedanken wert.

Wann kann es auch ohne Therapie funktionieren?


Hat man den Eindruck, gar nicht unbedingt einen regelmäßigen Gesprächspartner zu brauchen (auch wenn Gespräche für jeden Menschen für das psychische Wohlergehen wichtig sind), und das Thema eher mit sich selbst ausmachen oder "bearbeiten" möchte, dann sollte hierfür natürlich ein großes Maß an Selbststeuerungs-Fähigkeiten vorhanden sein. Im Normalfall hängt das auch vom Alter ab, und ich würde schätzen, dass diese zumindest im minderjährigen Alter noch nicht ausreichend vorhanden sind.

Viele Fragen, die im Alltag bei der Bewältigung der Bulimie auftauchen, kann zudem auch ein Psychotherapeut nicht beantworten. Hierzu zählen beispielsweise Fragen zur Ernährung. Hierbei könnte im Rahmen einer Therapie eigentlich nur ein Netzwerk an Experten helfen, das über Fachwissen in sämtlichen relevanten Bereichen verfügt. Aufgrund dessen wird auch in vielen Fachkliniken ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt.

Sobald man selbst das Gefühl hat, dass Therapien nichts (mehr) bringen, und man darüber hinaus bereit ist, sich eigenverantwortlich weiterzuentwickeln, und diese Lösungen selbst suchen will, dann kann man es zumindest versuchen. Wenn man dann merkt, dass man nicht vorankommt, kann man immer noch einen Therapeuten aufsuchen.

Letztlich ist es immer wichtig, bei einem solchen "Abenteuer" seinen körperlichen Zustand zu kennen und sich bei riskantem Gewicht oder anderen gesundheitlichen Einschränkungen ärztlich durchchecken und eventuell begleiten zu lassen. Auch schwerwiegende psychiatrische Störungen neben der Bulimie schließen ein solches Vorhaben sicherlich aus.

Fazit 


Eigentlich geht es immer nur darum zu erkennen, dass man selbst derjenige ist, der die Bulimie besiegen muss. Solange das nicht wirklich verstanden wurde, ist es eigentlich völlig egal, ob man eine Therapie macht oder nicht - dann ist alles umsonst.

Sobald man diesen einen Aspekt aber wirklich verstanden hat, kann man sich einen Therapeuten suchen, der einem auf dem Weg unterstützt- oder sich dafür entscheiden, diesen Weg alleine zu gehen und sich je nach Bedarf Hilfe zu holen. Und das kann dann auch in Form von Büchern, Coaching oder eben Gesprächen mit Freunden passieren.

So einzigartig und individuell Menschen sind, so vielfältig sind auch die Möglichkeiten zur Heilung.

Samstag, 26. September 2015

Welche Rolle spielt Reflexion für den Weg aus der Bulimie?

Bulimie ist oftmals Ausdruck einer grundlegenden Erschütterung der eigenen Existenz; eine Suche nach Orientierung und Sinnhaftigkeit für das eigene Leben. Bulimie ist im wahrsten Sinne eine existenzielle Krise.

Solche existenziellen Krisen, die das eigene Dasein in Frage stellen, rütteln an den bisherigen Prinzipien, den Bausteinen, auf denen das Fundament des Lebens bislang gestanden hat. Das Fundament muss neu gegossen werden. Neue Prinzipien müssen her, neue Werte und neue Überzeugungen. Damit Neues entstehen kann, muss das Alte aber erstmal weg. Das erfordert in erster Linie das Bewusstsein dafür, dass das bisherige System nicht mehr funktional ist. Und erst wenn das Alte weg ist, kann an einem neuen Fundament gearbeitet werden.



„Problems cannot be solved at the same level of awareness that created them."
- Albert Einstein

Für dein neues Leben ohne Bulimie brauchst du ein neues Bewusstsein. Das hat nichts mit Spiritualität und Yoga zu tun - kann es auch - vielmehr mit deiner ganz persönlichen Arbeit an deiner Wahrnehmung. Obwohl klar ist, dass letztlich allein das Weglassen der bulimischen Symptome zu einer neurologischen Umstrukturierung und so zur Heilung führt*, so kommt es dennoch wesentlich darauf an, dass du diese Schritte auf psychischer Ebene vorbereitest und begleitest. 

Was meine ich mit „Arbeit am Bewusstsein“ oder "Arbeit an der Wahrnehmung“? Im Grunde das, was man auch mit der Fähigkeit zur Reflexion oder in manchem Kontext auch Reflexivität beschreiben könnte.

Reflexion ist die Fähigkeit, das eigene Denken zu prüfen und zu hinterfragen. Auch hierzu ist zunächst erforderlich zu erkennen, dass das eigene Denken bewusst wahrgenommen und gesteuert werden kann. Dazu gehören Fragen wie: Warum denke ich auf diese Art und Weise und nicht anders? Woher kommen diese Gedanken? Kann ich nachvollziehen, wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin? Gibt es Faktoren, die meine Wahrnehmung und mein Urteil beeinflussen?


Reflexion wird graduell erworben- je öfter sie geübt wird, desto besser funktioniert sie und desto eher wird sie Bestandteil der eigenen Persönlichkeit. Reflexion macht es auch möglich, äußere Einflüsse wahrzunehmen, sie in Frage zu stellen und sie dann entweder bewusst anzuerkennen oder abzulehnen. Erst so ist die Formung der Persönlichkeit aus eigenem Antrieb heraus möglich.


Zurück zur Bulimie - warum ist Reflexion dann in der Hinsicht so wichtig? Jeder Impuls wie beispielsweise der Gedanke „jetzt hätte ich gern einen Essanfall“ führt nicht zwangsläufig zur Handlung (dem Essanfall). Auch wenn bei der Bulimie neurologische Strukturen existieren, die diese Handlung sehr stark begünstigen, so verfügt der Mensch dennoch über die Fähigkeit, den Impuls zunächst wahrzunehmen und dann willentlich darauf zu reagieren - das wird Impulsdistanz genannt.


Impulsdistanz verlangt Bewusstsein über den Impuls. Der Impuls muss zunächst wahrgenommen werden: Aha, es kommt der Gedanke „Ich will einen Essanfall“. Anschließend ist es dir freigestellt, darauf wie üblich zu reagieren- oder dir zu sagen: „Nein, heute will ich das nicht - Ich strukturiere heute bewusst mein Gehirn um, damit mir solche Entscheidungen in Zukunft noch leichter fallen.“


Und Reflexion ist nicht nur in direktem Bezug auf die bulimische Symptomatik wichtig, sondern wie oben schon angedeutet, für die Entwicklung der Persönlichkeit und der Ausbildung eines kritischen Geistes. Beispielsweise sind gesellschaftliche Konventionen wie das Schlankheitsideal oder Leistungsstreben für jeden Menschen zumindest nicht in vollem Umfang verpflichtend. Vielmehr ist es jedem Einzelnen freigestellt, ob er dem gesellschaftlichem Konsens zustimmt oder für sich eigene Werte und Prinzipien festlegt. 


Durch Reflexion und kritisches Hinterfragen treten auch Systeme und Muster zutage, die früher nicht klar waren. Dann tauchen beispielsweise Strukturen innerhalb der Familie auf, und auch dann erst kann man sich fragen, weshalb man gegenüber Eltern und Geschwistern vielleicht immer auf ähnliche Art und Weise agiert. Es könnte auch dazu führen, dass das Hinterfragen auch die Arbeitsstelle in Frage stellt, und es fällt vielleicht auf, dass man diese Arbeit gar nicht mehr für sinnvoll erachtet. Überhaupt ist Arbeit nicht nur dazu da, um Geld zu generieren, sondern sie erfüllt darüber hinaus noch vielfältige andere Zwecke: 


„Menschliche Arbeit hat nicht nur einen Ertrag, sie hat einen Sinn. Für die Mehrzahl der Bürger ist sie Gewähr eines gelingenden Lebensprozesses: Sie ermöglicht soziale Identität, Kontakte zu anderen Menschen über den Kreis der Familie hinaus und zwingt zu einem strukturierten Tagesablauf.“ - Willy Brandt, 1983.

Nicht von ungefähr „passiert" es daher oft schwerkranken Menschen, dass sie ihre Arbeit aufgrund der Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit hinterfragen. Nicht wenige suchen sich nach der Überwindung der Krankheit eine ganz andere Arbeit; eine, die sie erfüllt, die sie mit dem Sinn ihrer Existenz verbindet und sie herausfordert. Aber auch Wünsche, die man als Kind hatte, bekommen dann oft eine ganz andere Dimension und mehr Bedeutung. Viele gehen dann erst das an, was sie „eigentlich schon immer mal machen wollten“, was aber aufgrund ihrer bisherigen Konformität mit gesellschaftlichen Anforderungen oder einfach einem nicht vorhandenen kritischen Hinterfragen des eigenen Lebensziels nicht umgesetzt wurde.

Viele solcher Menschen wurden beispielsweise auch für die Reihe der Süddeutschen Zeitung „ÜberLeben“ porträtiert. Menschen wie Sven Marx, der nach einem Gehirntumor mit dem Fahrrad um die Welt reist.


Es ist nie zu spät, um sich weiterzuentwickeln und seinem Leben eine völlig neue Wendung zu geben.


* Auch allein körperliche Veränderungen können zu einer Symptomfreiheit führen können: Eine Studie aus dem Jahr 2014 mit 118 Bulimiepatienten zeigte, dass eine dreimonatige ausschließliche Ernährung über eine Magensonde nach 3 Monaten bei 75% und nach 1 Jahr immerhin bei 25% zu einer totalen Symptomfreiheit führten. Das lässt darauf schließen, dass neurologische Strukturen normalisiert werden und den Essdruck verringern - ganz ohne psychologische Behandlung. [Link zur Studie]

Samstag, 19. September 2015

Bulimie und der Zyklus

Auf dem Weg zur Symptomfreiheit wird es dir immer häufiger bewusst werden, dass ein Essanfall auch ein Zeichen für dein Bedürfnis nach Ruhe sein kann. Ein Essanfall tritt dann oft genau dann ein, wenn du dich sammeln und dich zurückziehen willst. 

Äußerst interessant ist in diesem Zusammhang auch, welchen Einfluss eigentlich die Menstruation und der Zyklus auch auf die Psyche hat. Erstaunlicherweise ist es vielen Frauen oft gar nicht bewusst, dass die zweite Hälfte des Zyklus sie sehr viel besser mit ihrer Fähigkeit des urtümlich Weiblichen verbindet und sie genau in dieser Phase einen Essanfall bekommen, weil sie sich nicht genug Ruhe zugestehen.


Im Buch „Frauenkörper, Frauenweisheit“ von Christiane Northrup wird dieser Zusammenhang ganz eindrücklich beschrieben. In früheren Zeiten, in denen Frauen noch viel stärker im Einklang mit der Natur lebten, war es völlig natürlich, dass Frauen sich in den letzten 2 Wochen stärker auf ihre innere Stimme konzentrierten.


In den letzten beiden Wochen im Zyklus, auch Lutealphase genannt, bereitet sich der Körper auf eine mögliche Schwangerschaft vor. Er baut die Gebärmutterschleimhaut auf und versorgt sie mit Nährstoffen. Die Psyche ist dann eher „nach innen“ gerichtet.


In vielen Kulturen wird diese Phase mit Begriffen wie Dunkelheit, Mystik und dem Unbekanntem, aber eben auch dem Unbewussten in Verbindung gebracht. Es ist die Phase, die so gar nicht zu unserem gesellschaftlichen System und den darin gestellten Anforderungen passt. Vermutlich ist diese Phase daher auch so schlecht bewertet, und man vermeidet tunlichst, sich in dieser Phase etwas anmerken zu lassen. Wenn eine Frau sich zurückzieht, lieber alleine als in Gesellschaft sein will, entspricht sie nicht dem immer präsenten, geselligen, nach außen gerichteten Ideal der modernen Frau. Dabei ist das System des Kreislaufs, eines Aufs und Abs, sehr viel natürlicher als das lineare Prinzip unserer Leistungsgesellschaft. Man denke nur an Tag-Nacht, Ebbe-Flut, die Jahreszeiten, Geburt-Tod. Alles entsteht, stirbt und kehrt in übertragenem Sinne zurück.


Was hat das nun mit der Bulimie zu tun? Vor allem, weil doch viele Frauen mit Bulimie gar nicht sagen können, wann sie ihre Periode das nächste Mal bekommen, weil sie unregelmäßig ist?
Das ist genau die zentrale Frage: Welche gesellschaftlichen Auswirkungen haben Krankheiten wie Bulimie und Magersucht, wenn sie diesen Kreislauf so derart aus dem Gleichgewicht bringen.


Ich bin mir sicher, dass dieses scheinbar profane System - der weibliche Zyklus - eine ganz zentrale Antwort auf die Frage geben beinhaltet, welchen gesellschaftlichen Beitrag Frauen eigentlich leisten können, wenn man sich von der klassischen, nach männlichen Prinzipien funktionierenden Leistungsgesellschaft, abwenden möchte.


Bulimie reduziert Frauen in ihren Möglichkeiten, weil diese Krankheit i m m e r dazu führt, dass Frauen den Kontakt zu ihrer inneren Stimme verlieren. Diese innere Stimme gibt es in allen Kulturen, auf der ganzen Welt. Sie ist der Kern aller Religionen, und wird oft durch den Gott selbst verkörpert. Sie mag unterschiedliche Namen tragen, aber es geht immer um: Intuition, die eigene Mitte, das Selbst. 

Der Zyklus schafft genau das, wenn man lernt, ihn wahrzunehmen: Zugang zur eigenen inneren Stimme.


Auch aus diesem Grund wäre es immens wichtig, die Bulimie aufzugeben- Um wieder einen normalen Zyklus zu haben!



Literatur:


Northrup, C. (2010): Frauenkörper - Frauenweisheit. Wie Frauen ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Selbstheilung wiederentdecken können. München: Goldmann Verlag.

Prost, W. (2010): Führe dich selbst. Die eigene Lebensenergie als Kraftquelle nutzen. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer.


Auch äußerst empfehlenswert: Der Film „Der Mond in Dir. Ein zu gut gehütetes Geheimnis“ (Stream, auf Englisch):
http://www.4science.cz/en/stream/movie/11

Samstag, 12. September 2015

Warum Bulimie keine psychische Krankheit ist

- Vorwarnung (Nachtrag vom 22.09.2015): Dieser Artikel ist sehr zugespitzt formuliert. Eine strikte Trennung von Psyche und Körper kann man so nicht vornehmen. In Wahrheit ist die Thematik in der Wissenschaft natürlich nicht unbekannt und wird unter dem Begriff "Psychophysisches Problem" oder "Leib-Seele-Problem" diskutiert.

Die öffentlich weit verbreitete Annahme, dass Bulimie mit klassischer Psychotherapie beizukommen wäre und es mit "ein bisschen Reden über Gefühle" und der richtigen Einstellung schon irgendwie in den Griff zu bekommen sei, hat mich zu der Provokation hinreißen lassen. 

Ein detaillierter Artikel folgt in Kürze und sollte offene Fragen klären. Ich lasse den ursprünglichen Text daher bewusst unverändert.- 

Nach Jahren des Wälzens von Literatur und dem Austausch mit Therapeuten, aber vor allem der Kommunikation mit Betroffenen, die sich von Therapie zu Therapie quälen und doch keine Besserung erfahren, steht für mich eines fest: Bulimie ist keine psychische Krankheit.

Bulimie ist eine körperliche Störung, die durch klassische Konditionierung (unangenehmes Gefühl - Überessen) verursacht wird. Auslöser ist dabei in den allermeisten Fällen eine vorausgegangene Diät oder Kalorienreduktion. Dass das Verhalten längerfristig aufrechterhalten wird, hat mit einem gesteigerten Körperideal jedoch nichts zu tun. Sondern mit der eben genannten Konditionierung. Das bedeutet, dass durch durch ein wiederholtes Verhalten (Überessen und Übergeben) ein gewohntes Verhaltensmuster entsteht, das neurologische Bahnen im Gehirn hinterlässt und so irgendwann, meist schon nach wenigen Wochen, zur scheinbaren Lösung aller Probleme für den Betroffenen wird. Was hat das mit einer psychischen Krankheit zu tun? Richtig- nichts.

Psychische Krankheiten, sogenannte Komorbiditäten, können daraus entstehen - nicht nur eine, sondern auch mal zwei oder drei - wenn sich die Bulimie irgendwann auf alle Lebensbereiche auswirkt. Dann kann man nichts mehr mit Freundinnen unternehmen, weil man vielleicht ein Eis oder eine Pizza mit ihnen essen gehen muss. Also bleibt man zuhause. Am Anfang nur manchmal, irgendwann immer öfter. Bis man irgendwann so selten unter Leute geht, dass man eine Soziale Phobie entwickelt und gar nicht mehr weiß, wie man sich normal verhalten soll. Wie man kommuniziert. Weil das Fressen und Kotzen den ganzen Tag ausmacht, das Wochenende und den Urlaub bestimmt, verliert man die Freude an allem, was früher einmal Spaß gemacht hat. Man wird depressiv. Man denkt darüber nach, welchen Sinn das Leben noch macht. Und ja, meistens findet man in diesen Momenten keine wirklich plausible Antwort darauf. Bulimie schränkt die Lebensqualität von Betroffenen und Angehörigen massiv ein. Suizid ist dann oftmals keine ungewöhnliche Antwort auf diese schwierig zu lösende Situation.

Psychische Störungen entstehen in den allermeisten Fällen erst nachdem man in die Bulimie gerutscht ist. Sie sind nicht deren Ursache. Es gibt absolut keine Hinweise darauf, dass die Auflösung der vielbeschworenen Ursachen, die vermeintlich tief in der Psyche der Betroffenen schlummern, die Auflösung der Bulimie bewirken. [„There is no scientific evidence that resolving underlying psychological problems lead to recovery.“ - Walsh & Cameron, 2005]

Solange man das nicht begriffen hat, wird man seine Bulimie auch nicht besiegen. Denn die Ursache wird immer im Dunkeln bleiben. Und wie soll man dann sein Essverhalten normalisieren? Warum sind so viele Bulimiker schon seit Jahrzehnten in ihrer Essstörung gefangen? Sicherlich nicht, weil sie zu wenige Therapien gemacht haben. You do the math.

Samstag, 5. September 2015

Warum du ohne Schuldgefühle nach einem FA weiterkommst

„Schuldgefühle und Gewissensbisse sind psychologisch gesehen Ausweichtaktiken. Man ändert sich nicht, solange man übermäßig bereut. Lieber eine gute Tat als tausend Selbstanklagen. Was ohnehin nicht geändert werden kann, verdient keine langatmigen sittlichen Überlegungen.“ [Rattner et al. S. 41]

Obwohl es im Sinne eines FAs ja nicht direkt um „sittliche“, sondern vielmehr um psychologische Überlegungen geht, die das Selbstkonzept - also das, was du über dich selbst denkst - betreffen, lässt sich dieses Zitat auch auf die Selbstanklagen nach einem FA übertragen. Wer fühlt sich nach einem FA schon gut… Viel eher ist man geneigt, den FA als Misserfolg zu verbuchen.

Aber bringt es dich weiter, tagelang an einen Rückfall zu denken und dich deshalb schlecht zu fühlen? Wäre es nicht viel angenehmer, den FA als „in dem Moment nicht besser gekonnt“ zu verbuchen und dann auch aus dem Gedächtnis verschwinden zu lassen? Sich vielmehr zu überlegen: Was mache ich, wenn ich wieder in so eine Situation komme? Wie kann ich das angestrengte, angespannte Gefühl loswerden, ohne mich in einen FA zu stürzen? Und vielmehr in die Zukunft zu blicken, vielleicht eben auch in diese nächste riskante Situation, als immer wieder an die vermasselte letzte, an das Scheitern.

Psychologen bezeichnen das Festhalten an solchen Anklagen als „neurotisches Schulderleben“, und stellen fest, dass sich Menschen, die sich so verhalten, kaum ändern. Lieber erniedrigen sie sich und verbringen Monate oder sogar Jahre damit, sich die Misserfolge vorzuhalten, als sich ehrlich zu fragen: Wo will ich eigentlich hin? Wer will ich eigentlich sein? So kann keine Persönlichkeitsentwicklung stattfinden und sie und nehmen sich selbst die Chance, der Mensch zu werden, der sie eigentlich sein wollen. Und Persönlichkeitsentwicklung ist immer auch Teil des Wegs aus der Bulimie.


Literatur:
Rattner, J., Danzer, G. (2011): Persönlichkeit braucht Tugenden. Positive Eigenschaften für eine moderne Welt. Berlin: Springer.

Samstag, 29. August 2015

Lebensmittel und Mahlzeiten - was ist heute noch normal?

Heute ein paar Gedanken zu "normalem" Essverhalten, was Lebensmittel und ein gesundes Essverhalten damit zu tun haben...

Dass etwas schief läuft mit den Lebensmitteln, die heute in Supermärkten verfügbar sind, und generell mit dem Essverhalten in der westlichen Welt, wird deutlich an den konstant steigenden Raten übergewichtiger Menschen.

Auch früher gab es schon fettleibige Menschen, soviel steht fest. Ein Beispiel ist Daniel Lambert, im 18. Jahrhundert der dickste Mann Englands. Er wog rund 335 Kilo:

Daniel Lambert. Quelle

Aber heute verändert die Industrie ganz bewusst die Zusammensetzung der Lebensmittel und steuert so das Essverhalten der gesamten westlichen Gesellschaft- solange dieses System und die Inhaltsstoffe nicht hinterfragt werden. Die Lebensmittelindustrie spielt seit Jahrzehnten mit den Urinstinken des Menschen im Hinblick auf das Essverhalten. Der Industrie hat die westliche Gesellschaft auch die Übergewichts-Epidemie zu verdanken. Bewegung hat gemäß der neusten Erkenntnisse nur geringfügigen Einfluss darauf [Quelle].

Die Lebensmittel sind heute derart verändert, dass es schwer ist, ein normales Essverhalten damit aufrecht zu erhalten- geschweige denn, ein gestörtes wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nicht nur der Einsatz von Farb- und Konservierungsstoffen, Geschmacksverstärkern, Zuckerstoffen oder gentechnisch veränderten Bestandteilen haben Einfluss auf das Essverhalten, sondern auch die Zusammensetzung von Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen steigert den Appetit und das Verlangen nach immer mehr Essen weit über die Befriedigung des eigentlichen Hungers hinaus.

Auch die ständige Verfügbarkeit von Nahrung und die Auflösung der Nahrungsmittelaufnahme in Form von einstmals fest im Alltag verankerten Mahlzeiten zeigt, dass der Rat nicht ernstgenommen werden kann. Wenn man immer essen würde, was man will und wann man will, wäre ein Ausbrechen aus dem Teufelskreislauf der Bulimie kaum möglich.

Auch aus der Forschung ist seit kurzem bekannt, dass weniger, dafür aber größere Mahlzeiten, sich auch positiv auf das Gewicht und den Blutzuckerspiegel auswirken. Für Menschen, die mit einer Bulimie kämpfen, ist es enorm wichtig, keine extremen Gewichtsanstiege bei normalisiertem Essverhalten fürchten zu müssen. Diese Angst muss ernstgenommen werden. Bei entsprechendem normalgewichtigem Hintergrund sind entsprechende Mahlzeitenstrukturen mit langen Pausen zwischen den Mahlzeiten durchaus vertretbar. Eine Normalisierung des Blutzuckers ist ebenso wichtig, um körperlich bedingte Essanfälle zu vermeiden. [Quelle] (Mehr über den Glykämischen Index auch hier.)

Die bislang verbreitete Vorstellung einer 3-Mahlzeitenstruktur mit Zwischenmahlzeiten ist unverantwortlich und kann die Aufrechterhaltung des bulimischen Systems stützen. Die Gründe hierfür sind u.a.: ein normales Hunger-/Sättigungsgefühl kann nicht erlernt werden, weil der Magen konstant befüllt wird; zudem kann es nicht sein, den ganzen Tag ans Essen zu denken (im Sinne von "in 2 Stunden mus ich ja schon wieder essen") was einen normalen Alltag nur schwer ermöglicht. Mehr dazu, auch ausführlichere Begründungen, habe ich schon hier, hier und hier geschrieben.

Eine gute Richtlinie für eine gesunde Ernährungsweise sind Lebensmittel, die möglichst wenig weiterverarbeitet wurden und die den Blutzuckerspiegel nur langsam ansteigen lassen. Dazu zählt vor allem frisches Obst und Gemüse, Nüsse, Milchprodukte, Brot aus Natursauerteig (möglichst Vollkorn, da niedriger glykämischer Index) und Hülsenfrüchte.

Fazit: Es ist mir kein plausibler Grund bekannt, warum seit Jahrzehnten in herkömmlichen Therapien versucht wird, den Betroffenen Zwischenmahlzeiten in Form von Schokoriegeln und Fruchtjoghurts anzugewöhnen. Nur weil scheinbar „die Normalesser“ das so handhaben, muss es noch lange nicht gut sein. Genauso wie Veganer oder andere, auf gesunde Ernährung bedachte Menschen, als Orthorexier verschrien werden und versucht wird, daraus eine neue Essstörung zu machen. Ich finde es mehr als nachvollziehbar, dass ein Mensch, der sich nach Jahren der Bulimie und - im nicht nur übertragenenen Sinne - genaugenommen schwerster Körperverletzung nicht mehr jeden Industrie-Fraß einverleiben will. Aber jedem das Seine. Wer seinen Verstand nutzen möchte, der möge das bitte tun und die gängigen Ratschläge selbst hinterfragen.

Das heißt übrigens nicht, dass man doch ab und zu einfach Lust auf so etwas "Industrielles" hat und sich das dann verbieten soll. Ganz im Gegenteil.

Samstag, 22. August 2015

Kann man durch ein Wunder von Bulimie befreit werden?

Vielleicht hast du bei Youtube schon die beiden Videos über "Wunderheilungen" gesehen. Sie beschreiben zwei Frauen, die davon erzählen, wie sie durch "Gottes Gnade" von der Bulimie befreit worden sind.

Zum Einen will ich vorausschicken, dass ich, falls du gläubig bist, deinen Glauben nicht angreifen möchte. Ich möchte den Hintergrund der Geschichten beleuchten und das dabei möglichst objektiv tun.

Also, was ist den beiden Frauen passiert? Beide waren tief in ihrer Essstörung gefangen. Beide fühlten sich wie fremdgesteuert und beide hatten bereits Therapien hinter sich, die keine signifikante Besserung gebracht hatten: Sigrid 3, von Anne erfährt man es nicht. Sie fühlten sich der Essstörung ausgeliefert, sie fühlten sich machtlos. Sie fühlten sich, als hätten sie keine Kontrolle mehr über ihr Leben.

Auf der anderen Seite waren beide christlich gläubig. Sie glaubten, dass Gott, wenn er will, sie von ihrer Krankheit befreien kann. Beide waren aber auch schon lange Jahre bulimisch, so dass ihre Hoffnung immer mehr schwand, dass ihr Glauben irgend etwas daran ändern könnte.

Darum ist bei beiden Geschichten der Zeitpunkt der „Wunderheilung“ so wichtig. Denn durch ihn gab es plötzlich doch eine Veränderung. Er ähnelt sich in beiden Fällen, denn bei beiden gab es einen kurzen Moment, an dem ihnen klar wurde, dass es „so“, also mit der Bulimie, einfach nicht weitergehen könne. Das entspricht übrigens bei einer "normalen" Genesungsgeschichte auch dem ersten Schritt in der Heldenreise.

Bei Sigrid ist es eine Situation im Badezimmer, als sie gerade erbrechen will, es aber nicht wie sonst funktioniert. Die Situation ist dann noch insofern anders, als sie auch anders reagiert als sonst. Sie fühlt sich hilflos statt aggressiv. Dann hat sie ein religiös-transzendentales Erlebnis: Jesus erscheint ihr. Sie entscheidet sich in diesem Bruchteil einer Sekunde, dass sie die Bulimie hinter sich lässt.

Screenshot Youtube, https://www.youtube.com/watch?v=x-1KFWpZciA

Bei Anne ist es zu Beginn eher ein Experiment. Sie will ausprobieren, ob ihr Glauben ihr aus ihrer Krankheit helfen kann. Nach einiger Zeit ist sie jedoch sehr frustriert, weil sie keinen Fortschritt sieht. Sie wird ihren Frust los, in einer Art Gespräch mit Gott. Anschließend hat sie den Eindruck, dass sie ruhig und befreit ist. Sie schläft ein und „weiß“, dass sie nun ein neuer Mensch ist. Ihr entscheidender Moment ist also weniger wie ein Blitz, also anders als bei Sigrid, aber dennoch bewusst. Sie fühlt sich "von außen" befreit, sie muss in diesem Moment oder Zeitraum selbst keine Entscheidung treffen, sie wird vielmehr passiv befreit. Anders als bei Sigrid wird sie nicht vor die Wahl gestellt, die Bulimie loszulassen. Vielmehr wird die Bulimie von ihr genommen.

Screenshot Youtube, https://www.youtube.com/watch?v=0Zyc9KujS2I

Was beide Geschichten vereint, ist die Überzeugung, es alleine niemals schaffen zu können. Beide fühlen sich hilflos und der Krankheit ausgeliefert. Annes Freund sagt sogar: „Ich wusste, wenn ihr etwas helfen kann, dann kann es nichts menschliches sein. Es muss Gott sein.“ Diese Haltung ist natürlich für die eigene interne Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit fatal. Denn nichts macht einen Menschen hilfloser als die Meinung, einen Umstand nicht selbst in der Hand zu haben.

Ihr Vertrauen auf eine übernatürlich starke Kraft (in dem Fall Gott) überträgt die bei psychisch gesunden Menschen im Menschen selbst verankerte Kraft nach außen. So hat man selbst nur noch sehr wenig Einfluss darauf, dass man die Bulimie überwindet. Vielmehr ist man auf die „Gnade Gottes“ angewiesen. Nach dem christlichen Glauben weiß Gott, was das Beste für einen Menschen ist. Folglich kann es sein, dass man als Gläubiger, wenn sich an der Bulimie nichts ändert, dann eben irgendwann die Krankheit als Schicksal oder Wille Gottes akzeptiert. 

Ich halte dieses „Vorgehen“ für fatal. Es kann Menschen in eine Art Opferhaltung bringen; es kann dazu kommen, dass sie sich als passive Objekte scheinbar göttlicher Macht betrachten und sich selbst nicht mehr imstande sehen, etwas an ihrem Verhalten zu ändern.

Die Selbstwirksamkeit zu steigern sollte eines der ersten Ziele einer Therapie sein. Nur Erfolgserlebnisse und die Überzeugung, das eigene Leben selbst in der Hand zu haben und eben auch Macht über die eigenen Entscheidungen zu haben, motivieren und können früher oder später eine Symptomfreiheit bringen.

Was haltet ihr von den Geschichten? Könnt ihr euch mit einem von beiden identifizieren?

Samstag, 18. April 2015

Der größte Unterschied zwischen Ex-Bulimikern und Noch-Bulimikern

Es gibt immer diese Leute, die alles was einem selbst unheimlich schwer erscheint, mit Leichtigkeit schaffen. Sie machen alles mit links und stellen sich selbst dabei scheinbar überhaupt nicht in Frage.

Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass es einige Menschen gibt, die sich von nichts und niemandem von ihren Plänen abhalten lassen, während andere nicht mal die einfachsten Sachen gebacken kriegen?

Letzten Endes dreht sich alles nur um einen großen Punkt: die Kontrollüberzeugung.

Was ist Kontrollüberzeugung und was bewirkt sie?

Die Leute, die scheinbar alles mit links schaffen, sind die mit einer hohen "internalen Kontrollüberzeugung". Sie sind also davon überzeugt, dass sie selbst Einfluss auf den Lauf ihres Lebens nehmen können. Sie glauben, dass sie Macht über ihre Lebensumstände haben. Und wenn ihnen etwas nicht passt, dann ändern sie was. Sie lehnen sich nicht zurück und denken "Es wird schon irgendwas passieren". Sie treffen Entscheidungen und setzen sie um. Wenn sie aus der Bulimie rauswollen, dann machen sie sich klar, dass sie allein Macht über ihr Leben haben und es würde ihnen auch nicht in den Sinn kommen, anderen die Schuld für ihr eigenes Verhalten zu geben. Weil sie glauben, dass sie selbst Einfluss nehmen können, sind genau sie es selbst, die im Endeffekt tatsächlich Einfluss haben.

Das Gegenteil davon sind Leute, die eine hohe "externale Kontrollüberzeugung" haben. Sie gehen davon aus, dass hauptsächlich andere Menschen oder die Umstände bestimmen, wohin ihr Leben geht. Sie schreiben sich selbst nur einen sehr bedingten Einfluss auf ihre Lebensumstände zu. Das führt dazu, dass sie nicht glauben, etwas in ihrem Leben verändern zu können. Das sind zum Beispiel auch die Menschen, die ihr Verhalten allein der Diagnose Bulimie zuschreiben. Sie können selbst ja nichts dafür wenn sie einen FA haben- nein, das ist ja die Krankheit. Sie glauben zum Beispiel, dass sie ihr Verhalten nicht ändern können, weil sie sich ausgeliefert fühlen. Sie fühlen sich ausgeliefert, weil sie die Macht über ihr Leben an die Krankheit Bulimie abgetreten haben.

Wie kommt man von der externalen zur internalen Kontrollüberzeugung?

Klar- niemand hat Einfluss auf alles. Du kennst sicherlich das Gelassenheitsgebet:
Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. - Wikipedia
Es zeigt sehr deutlich, worum es geht. Wenn du also das eine von dem anderen unterschieden hast, dann unternimm was. Je öfter du Erfolgserlebnisse hast- je öfter du den FA abwimmelst, desto stärker wird deine internale Kontrollüberzeugung. Sie entsteht durch die eigene Erfahrung. Dazu ist es erforderlich, dass diese Erfahrungen gemacht werden. Aufgeben ist keine Option und das war es noch nie.

Wir alle fangen irgendwann mal damit an oder haben irgendwann mal damit angefangen, die Dinge in die Hand zu nehmen, weil wir irgendeinen Zustand nicht mehr länger ertragen haben.

Es ist nie zu spät, eine internale Kontrollüberzeugung anzunehmen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Warum fängst du also nicht gleich heute damit an? ;)

Samstag, 28. März 2015

Das klingt ja alles ganz toll! Aber wie komme ich jetzt aus der Bulimie raus?

Wow. So viele Emails haben mich in den letzten Wochen erreicht, dass ich nun endlich diesen klärenden Artikel schreiben muss.

Die Emails gleichen sich nämlich immer sehr. Das steht in etwa drin: 
"Johanna, vielen Dank für deinen tollen Blog. Er hilft mir sehr. Ich habe nun seit xy Jahren Bulimie und wollte dich fragen, wie ich mit den FAs endlich aufhören kann! Was soll ich bloß machen?" 
Solche Nachrichten rütteln mich auf. Ich denke mir dann, dass meine Artikel euch zwar zu helfen scheinen, aber dass sie wenig Bedeutung für die Bewältigung der Krankheit haben.Vielleicht sind sie eher eine willkommene Abwechslung und hilft beim Perpektivenwechsel? Ich weiß es nicht, kann es nur erahnen. Aber egal wie es wirklich ist: Heute bekommt ihr den ultimativen "Tipp".

Wie kommt man also aus der Bulimie raus?

Ich sehe zwei große Schritte, die man gehen muss:

1. FAs als Gewohnheit

Einerseits bin ich davon überzeugt, dass die bulimische Symptomatik, die in erster Linie die Essanfälle betrifft, eine Gewohnheit ist, die durch die wiederholte "Ausübung" entsteht. Um die Bulimie loszuwerden, muss man also diese Gewohnheit loswerden und sie mit anderen Gewohnheiten ersetzen- die neu erlernt werden müssen. Irgendwann ist die Gewohnheit in Form von neuronalen Netzen im Gehirn dann nur noch so schwach vorhanden, dass die Symptomatik immer weiter verschwindet, bis sie irgendwann ganz erlischt. Dann ist der Drang nach FAs verschwunden. Es geht also im Wesentlichen darum sich klarzumachen, dass FAs hauptsächlich aufgrund ihrer gehirnchemisch energiesparenden Eigenschaft vom Gehirn als Handlungsoption bevorzugt werden, darum immer wieder ausgeübt werden- auch weil sie belohnenden Effekt haben (Beruhigung, positive Gefühle durch Bestandteile der Nahrung, etc.).

2. FAs verhindern um die bulimische Gewohnheit zu überschreiben

Andererseits geht es darum, eben diese neuronalen Netze der Gewohnheit zu "überschreiben". 
Dazu müssen folgende Schritte erfolgen:

- 1.) der Drang nach dem FA bewusst als solcher wahrgenommen
- 2.) eingeordnet (analysiert) 
- 3.) und "verabschiedet" werden. 

Wie ihr seht, sind das 3 Schritte. Ein FA hat natürlich immer einen Grund, eine Ursache- wobei auch so etwas Banales wie Langeweile oder Mangel an Alternativen Grund genug sein kann. Ich sage nicht, dass ein FA keinen Zweck erfüllt. Das würde für das Gehirn keinen Sinn ergeben. Das Gehirn versucht im Normalfall, ein emotionales Gleichgewicht herzustellen, und solange man z.B. traurig ist und keine alternative Handlungsoption bereit hält außer den FA und man gleichzeitig nur wenig Willenskraft hat, um sich mit seiner emotionalen Situation zu befassen, ist der FA aufgrund seiner energiesparenden und serotoninausschüttenden Eigenschaft beinahe unausweichlich. 

Es gibt verschiedene Methoden, wie FAs verhindert und stattdessen neue Handlungsoptionen gelernt werden können. Dabei müssen immer die 3 obigen Schritte enthalten sein. Eine gute Methode ist z.B. "Surfing the Urge", verschiedene Meditationstechniken oder Methoden zur Achtsamkeit. Ich denke, es gibt hier kein Allheilmittel, sondern jeder sollte selbst nach Methoden suchen, die für ihn gut funktionieren. Für mich war es z.B. auch das Lesen antiker Philosophen wie Seneca, die mir dabei geholfen haben, meinen Alltag zu entschleunigen, Gedanken bewusster wahrzunehmen und letztlich auch bewusst auf aufkommende Impulse reagieren zu können.

Ok, aber.... Welche Rolle spielt dabei jetzt die Ernährung?

Die Ernährung klinkt sich bei Punkt 2- FAs verhindern um die bulimische Gewohnheit zu überschreiben- ein. Ich denke es erscheint plausibel, dass gewisse Nahrungsmittel einfach viel besser als manche andere dafür geeignet sind, FAs zu verhindern. Einige Lebensmittel wie Süßigkeiten und Weißmehlprodukte schicken den Blutzucker auf eine Achterbahnfahrt und sollten daher tatsächlich nur in Maßen gegessen werden, weil sie den FA-Drang enorm verstärken können. Dasselbe gilt für sämtliche Fertiggerichte in denen Konservierungsmittel enthalten sind, die Einfluss auf den Sättigungsmechanismus haben können.

Auf Nährstoffdichte achten

Ansonsten ist es auch enorm wichtig zu wissen, welche Lebensmittel wirklich gesund im Sinne von nährstoffreich sind (Stichwort "Aggregate Nutrient Density Index"). Im Allgemeinen solltet ihr euch damit beschäftigen, wieviele Nährstoffe im Sinne von Mineralien, Vitamine, etc. eure Nahrung enthält. Dass die richtige Ernährung elementar fürs Wohlbefinden ist wisst ihr eh schon.

Wieviele Mahlzeiten? 

Auch die Anzahl der Mahlzeiten spielt bei der Vermeidung von FAs eine wesentliche Rolle. Je mehr Mahlzeiten man zu sich nimmt, desto kleiner sollen die Mahlzeiten ausfallen, desto eher kann man sich nicht satt essen. Man kann sich nicht 5 Mal am Tag im Sinne von 3 Haupt- und 2 Zwischenmahlzeiten satt essen. Sich satt essen zu können und zu dürfen spielt jedoch eine wesentliche Rolle in der Wiederentdeckung des Sättigungsgefühls, das bei der Bulimie verloren gegangen ist. Das ist sehr viel einfacher bei nur 3 Mahlzeiten mit ausreichend langen Pausen (4-5 Stunden), in denen bewusst nicht gegessen wird. So wird einerseits das Hunger- aber auch das Sättigungsgefühl wiederentdeckt und ausgebaut. 

Die Pausen können selbstverständlich am besten eingehalten werden, wenn die Zusammensetzung der Mahlzeiten gut beschaffen (im Sinne von ballaststoffreich und niederglykämisch) sind.

Samstag, 21. März 2015

Ist Bulimie nur eine Gewohnheit?

In der letzten Zeit habe ich aufgrund verschiedener Ereignisse in meinem eigenen Leben wieder daran denken müssen, wie wichtig es ist, sich selbst und anderen Menschen zuzutrauen, dass sie ihr Leben und ihre Gewohnheiten ändern können. Was scheinbar "immer" so war, muss nicht immer so bleiben. Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht und bin mir absolut sicher, dass sich jeder Mensch weiterentwickeln kann und letztlich viele seiner Ziele erreichen kann, wenn er sich einer Sache bewusst ist: Das Gehirn ist vollkommen anpassungsfähig. Wird es mit neuen Erfahrungen gefüttert, dann lernt es und bildet in den entsprechenden Gehirnregionen mehr Verbindungen aus. Entsprechend verhält man sich in gewissen Situationen routinierter, souveräner und kann in einem Bereich, in dem man sich zu Beginn absolut nicht ausgekannt hat, zum absoluten Experten und Vorbild werden.

Genau so verhält es sich mit der Bulimie. Bereits in meinem 2. Blogpost überhaupt aus dem Jahr 2010 habe ich dieses Phänomen beschrieben. Und ja, ich bin wieder bei dieser Überzeugung angelangt: Die Bulimie ist nichts weiter als eine Gewohnheit. Sie ist für das Gehirn die einfachste und energiesparendste Methode, um auf die verschiedensten Dinge zu reagieren. Sie ist ganz einfach ins Gehirn "eingebrannt". Werden keine alternativen Gewohnheiten erlernt und angewandt, dann wird sie für immer die Lösung Nummer 1 bleiben.

Bitte, liebe Mädels. Lasst euch das nicht länger einreden. Ihr seid nicht gestört und habt auch keine psychische Krankheit. Überhaupt- was ist schon normal ;) Es ist mittlerweile bekannt, dass die Bulimie psychische Krankheiten verursacht, aber ich bin mir sicher: Nur in ganz wenigen Fällen bestehen sie schon vor der Bulimie. Auch ein geringes Selbstwertgefühl ist keine Ursache einer Bulimie. Es muss endlich Schluss mit dieser Paranoia sein. Aus diesem Grund funktionieren sogenannte "Psychodynamische Therapien" auch in vielen Fällen nicht.

Versteht mich nicht falsch. Es ist immer von Vorteil, mit der Vergangenheit abzuschließen und Dinge, die nicht gut gelaufen sind, zu verstehen und sich mit den Beteiligten auseinanderzusetzen. Aber im Falle der Bulimie, in der so viele chemische und neurologischen Prozesse in Gang gesetzt werden, reicht dieses eindimensionale Vorgehen leider einfach nicht aus.

Interessanterweise beschreibt das amerikanische Buch "Brain over Binge" genau dieses Modell, das ich damals auch schon zur Erklärung herangezogen habe. Es würde mich interessieren, ob es einer von euch schon gelesen hat. Gebt mir gern Bescheid, was ihr davon haltet!